Wenn wir zusammen spazieren gehen, und du weichst oft ab vom Wege und rufst mich ins Gebüsch, nur mit der Absicht, den Spaziergang in die Länge zu zerren, so finde ich dies unangenehm und nehme mir vor, in Zukunft allein zu gehen. Doch wenn du mir da eine Pflanze zu zeigen weisst, die ich nicht kenne, oder an der etwas für mich zu sehen ist, das früher meiner Beobachtung entging ... wenn du mir von Zeit zu Zeit eine Blume zeigst, die ich gern pflücke und im Knopfloch mitnehme, dann verzeihe ich dir das Abweichen vom Wege, ja, ich bin dir dankbar dafür.

Und, selbst ohne Blume oder Pflanze, so du mich zur Seite rufst und mir durchs Gebäume hindurch den Pfad weisest, den wir gleich betreten werden, der nun aber noch weit vor uns in der Tiefe liegt und wie ein kaum wahrnehmbarer, schmaler Streif sich durch das Feld dort unten schlängelt ... auch dann nehme ich dir das Abweichen nicht übel. Denn wenn wir endlich so weit gekommen sein werden, dann weiss ich, wie unser Weg sich durchs Gebirge gewunden hat, was die Ursache ist, dass wir die Sonne, die soeben da stand, nun links vor uns haben, die Ursache, warum der Hügel nun hinter uns liegt, dessen Gipfel wir früher vor uns sahen ... sieh, dann habe ich mir durch dieses Abseitstreten das Verstehen meiner Wanderung leicht gemacht, und Verstehen ist Genuss.

Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen Wege gelassen, ob es mir gleich Mühe kostete, dich nicht hineinzuführen ins Gebüsch. Ich befürchtete, dass der Spaziergang dich verdriessen würde, da ich nicht wusste, ob du Gefallen finden würdest an den Blumen und Pflanzen, die ich dir zeigen wollte. Doch da ich glaube, dass du später zufrieden sein wirst, den Pfad gesehen zu haben, den wir gleich beschreiten werden, so fühle ich mich veranlasst, dir etwas über Havelaars Haus zu sagen.

Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in Indien eine Vorstellung nach europäischen Begriffen machte und sich dabei eine Steinmasse dächte von aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen, vorn die Strasse, rechts und links Nachbarn, deren Häuser sich an das unsere anlehnen, und ein Gärtchen mit drei Johannisbeersträuchern dahinter. Wenige Ausnahmen abgerechnet, haben die Häuser in Indien kein oberes Stockwerk. Das kommt dem europäischen Leser seltsam vor, denn es ist eine Eigenart der Zivilisation—oder dessen, was man hierfür laufen lässt—alles seltsam zu finden, was natürlich ist. Die indischen Häuser sind ganz anders als die unseren, doch nicht sie sind sonderbar, unsere Häuser sind sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus erlauben konnte, nicht in einem Zimmer mit seinen Kühen zu schlafen, hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht auf, sondern neben das erste gesetzt, denn das Bauen zu ebener Erde ist einfacher und bietet auch mehr Bequemlichkeit im Bewohnen. Unsere hohen Häuser sind entstanden aus Mangel an Raum: wir suchen in der Luft, was auf dem Boden fehlt, und so ist eigentlich jedes Dienstmädchen, das abends das Fenster der Dachkammer schliesst, in der es schläft, ein lebender Protest gegen die Übervölkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes, wie ich wohl glaube.

In Landen also, wo Civilisation und Übervölkerung noch nicht durch Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben hinaufgequetscht haben, sind die Häuser ohne Stockwerk, und das Haus Havelaars gehörte nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel. Beim Eintreten ... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass ich abstehe von allen Ansprüchen auf pittoreske Mittel. ‚Gegeben‘: ein längliches Quadrat, aufzuteilen in einundzwanzig Flächen, drei breit, sieben tief. Wir numerieren die Flächen, beginnend an der linken Oberecke und nach rechts weiterzählend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2, und in dieser Weise weiter.

Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an drei Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf Säulen ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelthüren in die Binnengalerie, die aus den drei folgenden Fächern sich zusammensetzt. Die Fächer 7, 9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind Zimmer, von denen die meisten durch Thüren mit den danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei höchsten Nummern bilden die offene Hintergalerie, und was ich überschlug, ist eine Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich bin recht stolz auf diese Beschreibung.

Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die Vorstellung wiedergeben könnte, welche man in Indien an das Wort »Erbe« knüpft. Dort ist es weder Garten, noch Park, noch Feld, noch Wald, sondern entweder etwas davon, oder alles zusammen, oder nichts von dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause gehört, insoweit dieser nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass in Indien der Ausdruck »Garten und Erbe« als ein Pleonasmus gelten würde. Es giebt da keine oder wenige Häuser ohne ein derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen Wald und Garten und Weideland und erinnern an einen Park. Andere sind Blumengärten. Anderswo wieder ist das ganze Erbe ein grosses Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen Steinen gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge weniger anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den Häusern fördert, weil viele Insektenarten durch Gras und Bäume angezogen werden.

Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag, an einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein »Ravijn« stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain, das sich bis an die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der Rangkas-Betung mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess sich schwer bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung aufhörte, und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel im Erguss von Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in Gesichtsweite zurückzog, und dann wieder den »Ravijn« füllte bis fast heran an Havelaars Haus, fortwährend die Grenzen veränderte.

Dieser »Ravijn« war denn auch Mevrouw Slotering immer ein Dorn im Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der Pflanzenwuchs, schon überall anderswo in Indien so wuchernd, war an diesem Ort durch den jedesmal zurückgebliebenen Schlamm besonders üppig, sogar in solchem Masse, dass, war auch der Zu- und der Ablauf des Wassers mit einer Kraft erfolgt, die das Buschholz entwurzelte und mit fortführte, nur sehr wenig Zeit nötig war, um den Boden wieder mit all dem Unkraut sich überziehen zu lassen, das das Reinhalten des Erbes, selbst in der unmittelbaren Nähe des Hauses, so schwierig machte. Und dies verursachte beträchtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht »Dame des Hauses« war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die gewöhnlich abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten, dass Schreiben und Lesen unmöglich war—etwas, das an vielen Orten Indiens recht viel Beschwer verursacht—es hielten sich in dem Buschdickicht Schlangen und anderes Getier in Menge auf, das sich nicht auf den »Ravijn« beschränkte, sondern oft auch im Garten neben und hinter dem Hause gefunden wurde, oder auf der Grasfläche des grossen Platzes vor dem Hause.

Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der Aussengalerie mit dem Rücken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus lag links das Gebäude mit den Bureaux, der Kasse und dem Versammlungssaal, wo Havelaar am Morgen zu den Häuptlingen gesprochen hatte, und dahinter breitete sich der »Ravijn« aus, den man überblicken konnte bis zum Tjiudjung hinunter. Den Bureaux gerade gegenüber stand die alte Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe nur über die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten des Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder, der das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgebäude gelegenen Küchen- und Stallgebäuden zu begeben, entweder an den Bureaux oder an der Wohnung der Mevrouw Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom Hauptgebäude und dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude erregt hatte durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem deshalb, da sie ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen.