Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen, dass er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor, am folgenden Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen und hatte sich vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame ein sogenanntes »inländisches Kind« war und keine andere Sprache redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen geäussert, dass sie ihren eigenen Haushalt weiter führen möchte, worein Tine gern willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese Einwilligung zuzuschreiben, sondern hauptsächlich der Befürchtung, dass sie, eben in Lebak angekommen und also noch nicht »in Ordnung«, Mevrouw Slotering nicht so gut würde empfangen können, als die besonderen Umstände, in denen diese Dame verkehrte, es wünschenswert machten. Wohl würden sie, die sie kein Holländisch verstand, Maxens Erzählungen nicht »stören«, wie Tine sich ausdrückte, doch es verstand sich für sie, dass mehr nötig war, als dass die Familie Slotering nicht »gestört« wurde, und die schmale Küche in Verbindung mit der beabsichtigten Sparsamkeit liessen sie wirklich den Entschluss der Mevrouw Slotering sehr vernünftig finden. Ob nun übrigens, wenn die Umstände anders gewesen wären, der Umgang mit jemandem, der nur eine Sprache sprach, in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu beiderseitiger Befriedigung geführt hätte, bleibt zweifelhaft. Tine würde sie so gut wie möglich unterhalten und viel mit ihr über Küchensachen gesprochen haben, über Sambal-sambal, über das Einmachen von Gurken—ohne Liebig, lieber Himmel!—aber so etwas bleibt doch immer eine Aufopferung, und man empfand es also als sehr angenehm, dass die Angelegenheit durch Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in einer Weise erledigt war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit liess. Indes seltsam blieb es doch, dass die Dame es nicht allein ausgeschlagen hatte, an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen, sondern selbst keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen in der Küche von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die Bescheidenheit, sagte Tine, wäre hier doch etwas weit getrieben, denn die Küche sei geräumig genug.
Vierzehntes Kapitel.
—Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem ‚faux-air Napoléon‘ gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet, solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme, dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür bestanden als Recht und Billigkeit.
Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden, sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhéling und Ankola—dies war der Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich zur Ruhe gebrachten Battahlanden—waren wohl noch nicht gesäubert von atjinesischem Einfluss—denn wo religiöser Fanatismus einmal seine Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig—aber die Atjinesen selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus, und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später—wie Sie wohl wissen, Verbrugge—wieder geräumt wurden.
Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen.
Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle.
Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete, der Schwiegersohn des Assistent-Residenten in den Battahlanden, welcher Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben waren, doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters, und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses; Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war, und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling in Feindschaft gegeneinander zu erhalten.
Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der betreffende Häuptling keinen Einfluss hat.
Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre 1846 im Krawangschen und bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet, wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert.
So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die—wenn sie bestanden hat, was ich nicht weiss—Jang di Pertuan als Verräter erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.