Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch.

Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war, dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse niedergelegt waren und die die Strenge der getroffenen Massregeln rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als ein Gefangener von Mandhéling gegangen. Zu Natal war er gefangen. An Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich auch ein Gefangener. Er erwartete also—schuldig oder nicht, dies thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war—auch in Padang als ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er frei sei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde, ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern mit dem Hochmut jemandes, der so hoch steht, dass er eine Erklärung seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher: untersucht war diese Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als ‚non avenu‘ betrachtet, und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind.

Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten, dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser—der sich persönlich für die Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte—begründete Ursache hatte, ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur geworden war und ihn also—im Zorn über das ungerechtfertigte Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste widersetzt hatte—höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement abberufen haben würde.

»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten—die Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang, wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.«

Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen Präsident er war, des Inhaltes: Verurteilung eines gewissen Si Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkung und zu—wie ich meine—zwanzigjähriger Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku von Natal.

»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er da Jang di Pertuan Hochverrats anklagt!«

Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem »Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen, nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah, die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht, seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde, der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten, sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen, hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen.

»Auf die Frage an den Beschuldigten: ‚was ihn zu diesem Anschlage und dem gegen Sutan Salim und den Kontrolleur von Natal geplanten Mordanschlag bewogen habe?‘ antwortete er: ‚er sei dazu gedungen worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan von Mandhéling‘.«

»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil ist nach dem ‚fiat executio‘ des Residenten, was die Geisselung und Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen, wer der Mann ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.«

Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann, den man so schrecklich misshandelt hätte«.