Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der Vorgalerie nach Parang-Kudjang—dem Distrikt der »weitgehenden Missbräuche«—ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von dort zurückgekehrt war.
Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass, um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade, als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan, die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu Rangkas-Betung warteten.
Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste, und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indien den Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden.
Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt, und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.
Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr, das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und achtete bald nicht mehr darauf.
Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu lassen, doch unbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der Stellung ohne Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen Sonnenhitze und Westmūsson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem Max zusammen sein konnte?
Einen Umstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete: der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen.
Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall, doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen zu lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge, wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass, wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen Besitzungen herrschend sind.
Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks, der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht die Bevölkerung, die auf Äusserlichkeiten ausserordentlichen Wert legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde, so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche Art Arbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen, wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht, selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre, um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von Herrendienst ist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird, ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern.