Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen, senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen und schriftlichen Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich behandeln, und—noch sonderbarer—häufig selbst in Widerspruch mit ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden, wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre, Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät, mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren, will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen, der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein, sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn ... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.«
Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten: »Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen zeugen freilich von einer sehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt« mit unangenehmen Berichten!
Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu entwickeln beginne, und alsbald—meistens, wenn der Berichterstatter abgetreten ist—unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien, da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung.
Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang weitgehendem Missbrauch« zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note war inoffiziell, und sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von Bantam zu sprechen hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in einem offenbaren Dienstschreiben beim wahren Namen genannt hatte.
Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement, und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile: unwahr.
Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel und wie viele Menschenleben England erspart worden wären, wenn man zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl notwendig geworden war.
Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in meinem Plan, diese Beweise in diesem Buche zu liefern, vertraue ich gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben, dass sie vorhanden sind.
Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden werden kann.
Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein, der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche nach diesen Rapporten übergeführt ist aus Residentschaften auf Java nach Residenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge viele Tausende Pikols mehr beträgt als der Reis, der—nach denselben Rapporten—in Residentschaften auf Java aus Residentschaften auf Java eingeführt ist.
Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte annimmt und publiziert, und will den Leser nur auf die Absicht bei dieser Fälschung aufmerksam machen.