Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind, dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels haben könne. Ausfuhr aus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand, Einfuhr: entsprechenden Mangel.
Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dass alle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die widersinnige Behauptung: dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort ist. Das ist doch Wohlstand!
Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam, seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein anderes Amt berufen sieht, ohne dass irgend etwas für die Beseitigung des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange unterdrückte Unzufriedenheit—unterdrückt, damit man fortfahren könne, sie zu leugnen!—endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung, in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges?
Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein, die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld?
Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene Häuptlinge handelt.
Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen, als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse, das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie dem sei, die Regierung geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in Indien die zum Sprichwort geeichte Meinung, dass die Regierung lieber zehn Residenten entlasse als einen Regenten. Auch die vorgeschützten politischen Gründe—wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen—sind gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann, wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber diesen Häuptlingen fallen sollte.
Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche Heuchelei der human lautenden Bestimmungen—und der Eide!—die den Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine Pflicht gebunden erachtete.
Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele anführen, wie er stets, auch wo er gekränkt und beleidigt war, den Part eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach, ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten war. Nicht zugegeben wieder von jedem—ausser von Tine—der ihn darauf über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«, die solche Tiere schuf.
Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal herunterzuholen, auf das seine Umgebung—man mochte ihn lieben oder nicht—wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, er ist geistvoll, aber ... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »er ist verständig, doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, er ist gutherzig ... doch er kokettiert damit!«
Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich allein war, wollet ihr dieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung der Koketterie?