Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer gemacht, als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich über sie mit Scheu hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich begann, über Saïdjah zu reden. Denn anfänglich fürchtete ich, ich würde stärkere Farben nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit der Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein würde, wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu müssen.

Doch hätte ich dies thun können, denn ich habe hier Dokumente vor mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.

Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda lieb hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss nicht, ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben wurden, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ...

Dies alles weiss ich nicht!

Doch ich weiss mehr als dies alles. Ich weiss und kann beweisen, dass es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass, was Erdichtung im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits, dass ich die Namen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte über die Art und Weise, in welcher die Niederländische Autorität in Indien ausgeübt wird, Auseinandersetzungen, die nur für den Beweiskraft haben würden, der die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen, wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich an Stelle dürrer Namen von Personen und Plätzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschrift der Liste von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen zu können in der Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren.

Aber was die Hauptsache betrifft? O, dass ich aufgerufen würde, um zu beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda in Badur!« Nur wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde, dass aus mir nicht die Lästerzunge spricht!

Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft, die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen Felsen auswerfen wird? Oder—um auf die Ebene zu gelangen, in der mein Buch liegt—will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil vielleicht niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserin dieses unsterblichen Plaidoyers—unsterblich nicht wegen der Kunst oder wegen des Talentes, sondern wegen der Tendenz und wegen der Wirkung—wird man zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden nicht misshandelt, denn—es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung von dürren Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete, um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm die Form eines Aktenstückes gegeben hätte? Ist es ihre Schuld—oder die meine—dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid der Lüge borgen muss?

Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der Mühe wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man ‚Eingeborene‘ nennt. Doch wäre immerhin ihr Einwurf begründet: wer solche Bedenken als Beweis gegen die Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du bekämpfst, besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse, weil der Inländer nicht ist wie dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde, wenn du deinen Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also ...

Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im Ruhestande, nicht das habt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen, dass die Bevölkerung nicht misshandelt wird, gleichgültig, ob es sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder nicht. Oder solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei gestattet gegenüber Leuten, die nicht lieben, die keine schwermütigen Lieder singen, die nicht sentimental sind?