Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben würde, doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:
—Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da sitze ich nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen, dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...
Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der Hand, einem Brief, der vor mir liegt, Leser!
—Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlägen zu kommen über die Art von Arbeit, die er verrichten lassen will von den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für Leute das sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Säuglingen, schwangere Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind, um für ihn zu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! Und sie haben nichts zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht!
Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er so sprach mit ihr, die er so lieb hatte.
—Und, fuhr Havelaar fort, das fällt alles meiner Verantwortung zur Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so werden sie sagen: »da wohnt der Elende, der uns beschützen sollte, da sitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit Frau und Kindern!« Ja, ich hör’ es wohl, ich hör’ es wohl das Rufen nach Rache über mein Haupt! Komm her, Max, komm her!
Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte.
—Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei, der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mütter gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max, o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!
Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie brachte darauf den kleinen Max in sein Bettchen—eine Strohmatte—und als sie zurückkam, fand sie Havelaar im Gespräch mit Verbrugge und Duclari, die soeben eingetreten waren. Das Gespräch drehte sich um die erwartete Entscheidung von der Regierung.
—Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann würde zu viel an den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel hiervon, mehr noch als Sie selbst, M’nheer Havelaar! Ich war schon als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen, die der Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn nun nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt, wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen und von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in zwei Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ...