Die angeborene Höflichkeit des Javanischen Grossen—selbst der geringe Javane ist viel höflicher als sein europäischer Standesgenosse—macht gleichwohl dies scheinbar schwierige Verhältnis erträglicher, als es sonst sein würde.
Der Europäer sei wohlerzogen und zartfühlend, er gebe sich mit freundlicher Würdigkeit, und er kann dann gewiss sein, dass der Regent seinerseits ihm die Verwaltung angenehm machen wird. Dem im Grunde beiden Teilen peinlichen Befehl, in ersuchender Form geäussert, wird mit Pünktlichkeit nachgekommen. Der Unterschied in Stand, Geburt, Reichtum wird durch den Regenten selbst ausgewischt, der den Europäer, als Vertreter des Königs der Niederlande, zu sich erhebt, und schliesslich ist ein Verhältnis, das, oberflächlich betrachtet, Zwist zuwege bringen sollte, sehr oft die Quelle eines angenehmen Verkehrs.
Ich sagte, dass diese Regenten auch durch Reichtum den Vorrang vor dem europäischen Beamten hätten, und das ist natürlich. Der Europäer ist, wenn er an die Verwaltung einer Provinz berufen wird, die an Ausdehnung vielen deutschen Herzogtümern gleich steht, gewöhnlich ein Mann von mittlerem oder mehr als mittlerem Alter, verheiratet und Vater. Er bekleidet ein Amt um des Brotes willen. Seine Einkünfte sind gerade ausreichend und oft auch nicht ausreichend, um den Seinen das Nötige zu verschaffen. Der Regent ist: ‚Tommongong‘, ‚Adhipatti‘, ja, sogar ‚Pangerang‘, d. h. Javanischer Prinz. Es handelt sich für ihn nicht darum, dass er lebe, er muss so leben, wie das Volk es von seiner Aristokratie zu sehen gewohnt ist. Während der Europäer ein Haus bewohnt, ist vielfach sein Aufenthalt ein ‚Kratoon‘, mit vielen Häusern und Dörfern darin. Während der Europäer eine Frau hat, mit drei, vier Kindern, unterhält er eine ganze Anzahl von Frauen mit allem, was dazu gehört. Während der Europäer ausreitet, gefolgt von einigen Beamten, nicht mehr, als bei seiner Inspektionsreise zur Erteilung von Anweisungen unterwegs nötig sind, wird der Regent begleitet von Hunderten, die zum Gefolge gehören, das in den Augen des Volks untrennbar ist von seinem hohen Range. Der Europäer lebt bürgerlich, der Regent lebt—oder man erwartet von ihm, dass er so lebt—wie ein Fürst.
Doch das alles muss bezahlt werden. Die Niederländische Verwaltung, die auf den Einfluss dieser Regenten gegründet ist, weiss dies, und nichts ist also natürlicher, als dass sie deren Einkünfte zu einer Höhe geführt hat, die dem Nicht-Indier übertrieben vorkommen würde, aber in Wirklichkeit selten für die Bestreitung der Ausgaben hinreichend ist, die mit der Lebensweise eines solchen inländischen Oberhauptes verbunden sind. Es ist nichts Ungewöhnliches, Regenten, die zwei-, ja, dreimalhunderttausend Gulden jährliches Einkommen haben, in Geldverlegenheit zu sehen. Hierzu trägt viel bei die sozusagen fürstliche Gleichgültigkeit, mit der sie ihre Einkünfte verschleudern, ihre Nachlässigkeit in der Bewachung ihrer Untergebenen, ihre krankhafte Kauflust und vor allem der Missbrauch, der häufig von Europäern bei einer derartigen Lage der Dinge getrieben wird.
Die Einkünfte der javanischen Häupter lassen sich in vier Teile teilen. Zum ersten das bestimmte Monatsgeld. Dann eine feste Summe als Schadloshaltung für abgekaufte Rechte, die auf die Niederländische Verwaltung übergegangen sind. Drittens eine Belohnung in Übereinstimmung mit der Quantität der in ihrer Regentschaft erzielten Produkte, als Kaffee, Zucker, Indigo, Zimmt u. s. w. Und schliesslich: die willkürliche Verfügung über die Arbeit und über das Eigentum ihrer Unterthanen.
Die beiden letzten Einkunftsquellen verlangen einige Erklärung. Der Javane ist nach Art der Dinge Landbauer. Der Grund, auf dem er geboren wurde und der bei wenig Arbeit viel verspricht, ist ihm hierzu Veranlassung, und vor allem ist er mit Leib und Seele der Bebauung seiner Reisfelder ergeben, worin er denn auch sehr erfahren ist. Er wächst auf inmitten seiner ‚sawah’s‘ und ‚gagah’s‘ und ‚tipar’s‘, begleitet schon in sehr jugendlichem Alter seinen Vater aufs Feld, wo er ihm in der Arbeit mit Pflug und Spaten behülflich ist an Dämmen und Wasserleitungen zur Bewässerung seiner Äcker. Er zählt seine Jahre nach Ernten, er rechnet die Zeit nach der Farbe seiner zufelde stehenden Halme, er fühlt sich heimisch unter den Genossen, die mit ihm ‚padie‘, d. h. den unenthülsten Reis, schnitten, er sucht seine Frau unter den Mädchen der »dessah«, die am Abend unter fröhlichem Gesange den Reis stampfen, um ihn der Hülsen zu entledigen ... der Besitz von ein paar Büffeln, die seinen Pflug ziehen werden, ist das Ideal, das ihm entgegenlächelt ... kurzum, der Reisbau ist für den Javanen das, was in den Rheingegenden und in Südfrankreich der Weinbau ist.
Doch es kamen Fremdlinge aus dem Westen, die sich zu Herren des Landes machten. Es lüstete sie, Vorteil zu ziehen aus der Fruchtbarkeit des Bodens, und sie beauftragten den Bewohner, einen Teil seiner Arbeit und seiner Zeit der Hervorbringung anderer Dinge zu widmen, die mehr Gewinn abwerfen würden auf den Märkten von Europa. Um den geringen Mann hierzu zu bewegen, war nicht mehr als eine sehr einfache Staatskunst nötig. Er gehorsamt seinen Häuptlingen, man hatte also nur diese Häuptlinge zu gewinnen, indem man ihnen einen Teil des Gewinnes zusagte, und ... es glückte vollkommen.
Wenn man auf die erschreckliche Masse von Javaprodukten, die in Niederland dem Käufer angeboten werden, seine Aufmerksamkeit lenkt, so kann man sich davon überzeugen, wie zweckentsprechend diese Politik war, findet man sie auch gleich nicht edel. Denn, möchte jemand fragen, ob der Landbauer selbst eine diesem Erfolge entsprechende Belohnung geniesst, so muss ich hierauf eine verneinende Antwort geben. Die Regierung verpflichtet ihn, auf seinem Grunde zu ziehen, was ihr behagt, sie bestraft ihn, wenn er das also hervorgebrachte irgend jemandem anders verkauft als ihr, und sie selbst setzt den Preis fest, den sie ihm dafür bezahlt. Die Kosten der Überfuhr nach Europa durch Vermittlung eines bevorrechteten Handelskörpers sind hoch. Die den Häuptlingen gewährten Ermutigungsgelder beschweren obendrein den Einkaufspreis, und ... da doch schliesslich die ganze Sache Gewinn abwerfen muss, kann dieser Gewinn nicht anders erzielt werden, als dass man dem Javanen just soviel ausbezahlt, dass er nicht Hungers sterbe, was, wenn es geschähe, die produktive Kraft der Nation vermindern würde.
Auch den europäischen Beamten wird eine Belohnung ausgezahlt, die sich nach der Höhe des erzielten Ertrages richtet.
Wohl wird also der arme Javane vorwärts gepeitscht durch zwiefache Gewalt, wohl wird er vielfach abgezogen von seinen Reisfeldern, wohl ist Hungersnot oft die Folge dieser Massregeln, indessen ... fröhlich flattern zu Batavia, zu Samarang, zu Surabaja, zu Passaruan, zu Bessuki, zu Probolingo, zu Patjitan, zu Tjilatjap die Flaggen an Bord der Schiffe, die beladen werden mit den Ernten, die die Niederlande reich machen.