Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig zu beurteilen, wo der »Brauch« aufgehalten hat, um »Missbrauch« Platz zu machen. Und ... wo der »Missbrauch« besteht, wo wirklich Raub und Willkür gepflogen ist, sind vielfach die Schlachtopfer selbst hieran mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener Unterwürfigkeit, sei es aus Furcht, sei es aus geringem Vertrauen auf den Willen oder die Macht der Person, die sie schützen soll. Jeder weiss, dass der europäische Beamte jeden Augenblick in eine andere Stellung berufen werden kann, und dass der Regent, der mächtige Regent, dableibt. Ferner, wie viele Methoden giebt’s, um sich das Eigentum eines armen, einfältigen Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass der Regent sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier alsbald in den Ställen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist solches durchaus noch nicht, dass dieser nicht die Absicht hatte, dafür—o, sicher!—einen hohen Preis zu bezahlen ... nach einiger Zeit. Wenn Hunderte arbeiten auf den Feldern eines Häuptlings, ohne dafür Bezahlung zu empfangen, so folgt hieraus keineswegs, dass er dies geschehen liess zu seinem Vorteil. Konnte er nicht die Absicht haben, ihnen die Ernte zu überlassen, in der menschenfreundlichen Berechnung, dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer wäre als der ihre und also ihre Arbeit freigebiger belohnen würde?
Überdies, wo schafft der europäische Beamte die Zeugen her, die den Mut haben, eine Erklärung gegen ihren Herrn abzugeben, den gefürchteten Regenten? Und, wagte er eine Beschuldigung, ohne sie beweisen zu können, wo bleibt dann das Verhalten als »älterer Bruder«, der in solchem Fall seinen »jüngeren Bruder« ohne Grund in seiner Ehre gekränkt haben würde? Wo bleibt die Gunst der Regierung, die ihm Brot giebt für seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn verabschieden würde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verdächtigt oder angeklagt hätte mit Leichtfertigkeit?
Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inländischen Häuptlinge, die Grenzen des erlaubten Verfügens über Arbeit und Eigentum ihrer Unterthanen zu überschreiten, überall ohne Einschränkung als bestehend anerkannt wird ... dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen, dieser verbrecherischen Gepflogenheit entgegentreten zu wollen, und ... dass doch nur sehr selten ein Regent angeklagt wird wegen Willkür oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt.
Es scheint also wohl eine fast unüberwindliche Schwierigkeit zu bestehen, dem Eide gemäss zu handeln, dass man »der inländischen Bevölkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung und Erpressung«.
Sechstes Kapitel.
Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch. Wenn man ihn dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten Eichen- und Orangezweigen auf Kragen und Ärmelaufschlägen, war es schwer, in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den Holländern in Indien ... nebenbei erwähnt, ein Menschenschlag, der sich sehr unterscheidet von den Holländern in Holland. Träg, so lange es nichts zu thun gab, und fern von der kleinlichen, auch ohne Anlass entwickelten Ameisengeschäftigkeit, die in Europa für Eifer gilt, aber eifrig, wo Bethätigung nötig war ... einfach, aber herzlich gegenüber denen, die zu seiner Umgebung gehörten ... mitteilsam, hilfsbereit und gastfrei ... von guten Manieren, doch ohne Steifheit ... empfänglich für gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig, ohne gleichwohl Lust zu empfinden, zum Märtyrer dieser Veranlagungen zu werden ... kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt, überall auf seinem Platze sein würde, ohne dass man jedoch auf den Gedanken kommen könnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er denn auch nicht begehrte.
Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und mit Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von Zeit zu Zeit den ‚mandoor‘-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt von den Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob nichts im Anzug sei. Dann stand er ’mal auf, versuchte vergebens, seine Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden der Pendoppo, steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie nicht recht zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig.
Und doch hätte er sprechen können, denn er war nicht allein. Ich meine hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft der zwanzig oder dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und Aufpasser, die auf dem Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo sassen, noch der vielen, die anhaltend aus- und einliefen, noch der grossen Menge Eingeborener von verschiedenem Range, die da draussen die Pferde festhielten oder umherritten ... nein, der Regent von Lebak selbst, Radhen Adhipatti Karta Natta Negara sass ihm gegenüber.
Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde, eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge hätte wohl etwas gesprächiger sein können. Der Regent von Lebak war ein gebildeter alter Mann, der über vieles mit Verstand und Urteil zu sprechen wusste. Man brauchte ihn nur anzusehen, um überzeugt zu sein, dass die meisten Europäer, die mit ihm in Berührung kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er von ihnen. Seine lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem Feuer der Müdigkeit seiner Gesichtszüge und der Greisheit seiner Haare. Was er sagte, war gewöhnlich lange überdacht—so recht eine Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist—und wenn man mit ihm im Gespräch war, fühlte man, dass man seine Worte als Briefe anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem Archiv hatte, um, wenn nötig, darauf zu verweisen. Das mag nun jemandem, der den Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist, unangenehm scheinen, doch ist es nicht schwierig, alle Gesprächsgegenstände, die Anstoss geben könnten, zu vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in brüsker Weise dem Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben werden, da das nach orientalischen Begriffen in Widerstreit mit dem guten Ton wäre. Wer also Ursache hat, die Berührung eines bestimmten Punktes zu vermeiden, braucht nur über unbedeutende Dinge zu reden, und er kann versichert sein, dass ein javanischer Häuptling ihn nie durch eine unerwünschte Wendung des Gesprächs auf ein Terrain ziehen wird, das er lieber nicht beträte.
Über die beste Art, mit diesen Häuptlingen zu verkehren, bestehen übrigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass einfache Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den Vorzug verdient.