—Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so einfältig, als ob ich es glaubte.
Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte mit der Absicht, den jungen Herrn—ohne Gefahr zu laufen, den alten Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu sehen—doch einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen, wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfängt—macht sein Vater gleichwohl grosse Geschäfte—und einem Makler, der zwanzig Jahre die Börse besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er allerhand Versekram aus dem Kopf wusste—er sagt: »auswendig«—und da Verse stets Lügen enthalten, war ich mir gewiss, dass ich ihn sehr schnell auf Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding stände, das er da soeben hergeleiert hätte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der Werke von einem gewissen Heine. Am andern Morgen gab ich ihm—Stern, meine ich—die folgenden
Betrachtungen
bezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt.
Auf Flügeln des Gesanges,
Herzliebchen, trag’ ich dich fort ...
»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber hätten Sie auch Flügel, dürfen Sie dann wohl einem Mädchen, das noch nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!
Fort nach den Fluren des Ganges,
Dort weiss ich den schönsten Ort.
Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das sind alles Lügen, die Sie nur darum erzählen, weil Sie sich bei all dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste Zeile vielleicht auf Senf, Zuckerteig oder Leberthran geendigt hätte, so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach Genf, Braunschweig oder Teheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär’s, wenn Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen: