»Durch musterhaftes Betragen.«

»Was nützt mir denn all mein Betragen, wenn er mich überhaupt nicht bemerkt? Glaubst du, es ließe mich kalt, ihn jetzt immer so bekümmert, immer so tief in Gedanken zu sehen? Gott im Himmel, sag' ich zu mir selbst, was mag ihn so beschäftigen? Am Ende gar quält er sich meinetwegen. … Mag er mir auch noch so sehr zürnen, er verstellt sich ja doch nur: ich weiß, daß er mich liebhat …«

Der Diakon wandte das Gesicht ab, schlug mit der rechten Faust gegen die linke Handfläche und brummte:

»Na, warte, du Hostienbäckerlümmel, das geht dir nicht so durch! Ich will in Wahrheit Kain und nicht der Diakon Achilla sein, wenn ich diesen Lehrer Warnawka nicht vor aller Augen zum Krüppel schlage!«

Aus dieser Drohung allein kann der Leser schon ersehen, daß einem gewissen, hier erwähnten Lehrer Warnawa Prepotenskij seitens des Diakons Achilla eine ernste Gefahr drohte, und diese Gefahr rückte immer näher und drohender heran, je stärker und quälender Achillas Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese wurde, die Sehnsucht nach dem eingebüßten Wohlwollen des Vaters Sawelij. Und endlich schlug die Stunde, da Warnawa Prepotenskij seinen Lohn aus der Hand Achillas empfangen sollte, das Ereignis, mit dem das große Stargoroder Drama beginnt, welches den Inhalt dieser Chronik bilden soll.

Um den Leser in das Verständnis dieses Dramas einzuführen, lassen wir vorderhand alle Schleichwege beiseite, auf denen Achilla, gleich einem amerikanischen Pfadfinder, seinem Feinde, dem Lehrer Warnawka, nachspürt. Versenken wir uns lieber in die Tiefen der inneren Welt der dramatischsten Person unserer Geschichte und treten in jene Welt, die bisher noch allen, welche sie aus der Nähe oder aus der Ferne betrachteten, unbekannt und unsichtbar geblieben ist: in das reinliche Häuschen des Vaters Tuberozow. Vielleicht, wenn wir im Innern dieses Hauses stehen, finden wir ein Mittel, auch in die Seele seines Herrn zu schauen, wie man in einen gläsernen Bienenstock schaut, wo die Biene ihre wundersame Wabe baut, aus Wachs, das vor dem Antlitz Gottes leuchten, und aus Honig, der den Menschen erfreuen soll. Aber seien wir vorsichtig und rücksichtsvoll: ziehen wir leichte Sandalen an, auf daß unserer Schritte Schall den sinnenden und betrübten Propst nicht störe. Setzen wir die Tarnkappe aus dem Märchen aufs Haupt, damit unser neugierig Antlitz den ernsten Blick des würdigen Greises nicht verwirre, und lauschen wir mit offenem Ohr auf alles, was wir von ihm zu hören bekommen.


Viertes Kapitel.

Der Sommerabend hat sich über Stargorod herabgesenkt. Längst ist die Sonne untergegangen. Die Anhöhe, auf der sich die spitze Kuppel des Domes erhebt, liegt in bleiches Mondlicht getaucht, das stille, flache Ufer drüben versinkt in warmer Finsternis. Über die schwimmende Brücke, welche beide Stadtteile miteinander verbindet, bewegen sich ab und zu einsame Gestalten. Sie haben es eilig; denn die Nacht im stillen Städtchen treibt sie früh in ihre Nester und an ihre Herdfeuer. Schellenklingelnd fährt ein Postwagen über die Brückenbohlen, wie über Klaviertasten; dann ist alles wieder totenstill. Von den Wäldern draußen weht eine wohltuende Kühle herüber. Blau schimmert auf der von zwei Armen der Turitza gebildeten Insel das Gemüsefeld des uralten schiefnäsigen Sonderlings Konstantin Pizonskij, welcher von allen »Onkel Kotin« genannt wird.