»Molwoscha! Wo bist du, Molwoscha?!« schallt es von der Insel herüber.

Der Alte ruft den muntern Buben, seinen Pflegesohn, und so deutlich ist dieser Ruf im Hause des Propstes zu hören, daß man glauben möchte, es riefe jemand dicht unter dem Fenster, an welchem die Pröpstin sitzt. Von demselben Gemüsefeld schallt ein lautes Kinderlachen herüber, man hört das Wasser plätschern, nackte Kinderfüßchen laufen klatschend über die Brückenbohlen, und hellauf bellt ein spielender Hund. Alles das scheint so nah, daß die Mutter Pröpstin von ihrem Platz am Fenster aufspringt und die Arme nach vorn ausstreckt. Sie meint, das laufende und lachende Kind müsse ihr gleich in den Schoß fallen. Aber als sie sich umschaut, erkennt sie die Täuschung. Sie tritt vom Fenster in das Innere des Zimmers zurück, zündet eine der auf der Kommode stehenden Kerzen an und ruft ein kleines, etwa zwölfjähriges Mädchen zu sich heran.

»Weißt du nicht, Feklinka, wo unser Vater Propst ist?« fragt sie.

»Er spielt Dame beim Polizeichef, Mütterchen.«

»Ah so, beim Polizeichef. Schon recht. Wir wollen ihm das Bett machen, Feklinka, damit alles fertig ist, wenn er heimkommt.«

Feklinka bringt aus dem Nebenzimmer zwei Kissen in die Wohnstube, ein Bettuch und eine gelbe wollene Steppdecke; die Pröpstin einen weißen Pikee-Schlafrock und ein großes rotseidenes Tuch. Das Bett wird dem Propst auf dem großen, ziemlich harten Sofa aus Masernbirkenholz gemacht. Zu Häupten wird die Decke zurückgeschlagen; der weiße Schlafrock über einen Lehnstuhl zu Füßen des Bettes ausgebreitet, und auf den Schlafrock das Seidentuch gelegt. Sowie alles gemacht ist, schiebt die Pröpstin mit Feklinka einen ovalen Tisch auf massivem Fuße, ebenfalls aus Masernholz, neben das Kopfende des Bettes, und stellt eine Kerze, ein Glas Wasser, ein Tellerchen mit gestoßenem Zucker und eine Glocke darauf. Alle diese Vorbereitungen und die Genauigkeit, mit der sie vorgenommen werden, zeugen von der großen Aufmerksamkeit, mit der die Pröpstin allen Gewohnheiten ihres Gatten entgegenkommt. Erst als sie alles gewohnheitsmäßig geordnet hat, beruhigt sie sich wieder, löscht die Kerze aus und setzt sich an ihr einsames Fenster, um auf den Gatten zu warten. Wer sie hätte sehen können, würde eine gewisse Unruhe in dieser Erwartung bemerkt haben, welche ihre guten Gründe hatte: Tuberozow, der seit langem schon unfroh schien, war heute den ganzen Tag mürrisch gewesen und das beunruhigte seine treue Gefährtin. Er war auch sehr müde, denn er hatte heute auf die Felder der Vorstadtbewohner hinausgemußt, um einen Bittgottesdienst anläßlich der andauernden Trockenheit abzuhalten. Nach dem Essen hatte er sich etwas niedergelegt und war dann spazierengegangen. Später hatte er den Polizeichef aufgesucht, und war bei ihm sitzen geblieben. Die kleine Pröpstin wartete erst eine halbe Stunde und dann noch eine ganze, aber er kam nicht. Tiefe Stille herrschte überall. Plötzlich klingt es von der Hügelseite herüber wie Gesang. Die Pröpstin horcht auf. Es ist der Diakon Achilla; sie kennt diese angenehme tiefe Stimme gut. Er steigt den Batawin-Berg herab und singt:

Es ruht die Welt im Frieden
Der lauen Frühlingsnacht,
Längst haben alle Müden
Die Augen zugemacht.

Der Diakon ist unten angekommen, geht über die Brücke und singt weiter:

Da klopft mit seinem Stecken
Cupido an mein Tor,
Und ich in jähem Schrecken
Fahr' aus dem Traum empor.

Die Pröpstin hört dem Gesang des Achilla mit Vergnügen zu. Sie hat den Mann gern, weil er ihren Gatten so liebt, und sie mag auch seinen Gesang. In Träumerei versinkend merkt sie gar nicht, wie der Diakon die Brücke hinter sich läßt und immer näher und näher kommt. Als er endlich dicht vor ihrem Fensterlein steht, donnert er plötzlich mit schauerlichem Pathos: