»Ja, liebe Natascha, ich will noch ein wenig lesen,« antwortete Vater Tuberozow. »Du aber tu mir den Gefallen und schlafe –«
»Gewiß werde ich schlafen, gewiß, mein Lieber,« erwiderte die Pröpstin.
»Ja, ich bitte dich, schlafe.« … Und mit diesen Worten setzte der Propst eine große silberne Brille auf seine stolze römische Nase und begann langsam in seinem blauen Buch zu blättern. Er las nicht, sondern blätterte nur, und dabei interessierte ihn nicht das, was in dem Buch gedruckt stand, sondern die von seiner eigenen Hand beschriebenen Einschaltblätter. Diese Notizen waren zu verschiedenen Zeiten gemacht und weckten in dem alten Priester eine ganze Welt von Erinnerungen, zu denen er hin und wieder gern zurückkehrte.
Da wir nun zwischen den Propst Sawelij und seine Vergangenheit geraten sind, wollen wir auch still und ehrfürchtig dem leisen Flüstern der Greisenlippen lauschen, das durch die dumpfe Stille der Mitternacht dringt.
Fünftes Kapitel.
Das Demi-Cotonbuch des Propstes Tuberozow.
Tuberozow betrachtete seinen Kalender von dem ersten Einschaltblatte an, auf dem zu lesen stand: »Nachdem ich am 4. Februar 1831 durch den Hochwürdigen Gawriil die Priesterweihe empfangen, erhielt ich von ihm dieses Buch als Belohnung für meine guten wissenschaftlichen Leistungen im Seminar und mein gutes Betragen.« Auf diese erste Notiz, die am ersten Tage nach der Ordination gemacht war, folgte als zweite: »Zum erstenmal im Dom gepredigt, nachdem der Bischof die Messe gehalten. Zum Thema der Predigt hatte ich das Gleichnis von den Söhnen des Weinbergsbesitzers genommen. Der eine sprach: ich gehe nicht, – und ging doch, der andere aber sprach: ich gehe, – und ging nicht. Ich bezog dieses auf die guten Handlungen und die guten Vorsätze, wobei ich mir einige Anspielungen auf die Beamten erlaubte, die ihren Diensteid ablegen und dann nicht einhalten. Dabei wies ich auch ganz vorsichtig auf die Machthaber und Vorgesetzten hin. Ich sprach fließend und weniger feierlich als natürlich. Seine Eminenz belobten diesen meinen Versuch. Aber später riefen Seine Eminenz mich zu sich und bemerkten nach einem allgemeinen Lobe meiner Rede im besonderen, daß ich mich hüten solle, in meinen Predigten direkt auf die Wirklichkeit hinzuweisen, vor allem aber die Herren Beamten aus dem Spiele lassen, denn je weiter man sie sich vom Leibe halte, desto gottwohlgefälliger sei das. Für das aber, was ich schon gesagt hatte, machte er mir keine Vorwürfe, sondern schien es sogar zu billigen.«
»1832 am 18. Dezember wurde ich zum Bischof gerufen und erhielt eine Ernennung nach Stargorod, wo das Schisma sehr stark sein soll. Ich erhielt die Weisung, ihm auf jede Art entgegenzuwirken.«