»Ganz gewiß, du lügst! Ein Mensch hat doch in einem Kochtopf nicht Platz.«

»Er hat ihn im Aschenkasten gekocht,« fuhr der Diakon unbekümmert fort, »und obgleich ihm diese greuliche Tat vom Polizeichef und vom Arzt gestattet war, wird er doch dafür meinen Händen ausgeliefert.«

»Diakon, du lügst. Das sind alles Lügen.«

»Nein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, nicht eine Silbe ist gelogen,« erwiderte der Diakon mit heftigem Kopfschütteln und die Worte wirbelten noch schneller von seinen Lippen. »Warnawka hat tatsächlich einen Menschen mit Genehmigung der Obrigkeit, das heißt: des Arztes und des Polizeichefs, gekocht. Es war eine Wasserleiche. Aber dieser Gekochte quält jetzt ihn und seine Mutter, die Frau Hostienbäckerin, aufs grausamste, und ich habe das alles in Erfahrung gebracht und beim Polizeichef dem Vater Propst erzählt, und der Vater Propst hat dem Herrn Polizeichef dafür ein tüchtiges – coppe vachée heißt's auf französisch – gemacht. Der Polizeichef hat gesagt: ›Ich will – sagt er – Soldaten holen und der Sache ein Ende machen.‹ Ich aber fügte dazu: ›Hol du nur deine Soldaten, ich bin selber Soldat!‹ Und von morgen ab, Euer Hochwürden, ehrenwerteste Frau Pröpstin Natalia Nikolajewna, werdet Ihr sehen, wie der Diakon Achilla den Lehrer Warnawka strafen wird, ihn, den Gotteslästerer, der die Lebenden irre macht und die Toten martert. Jawohl, heute ist der vierte Juni, der Gedächtnistag des heiligen Methodius von Pesnosch! Ihr solltet Euch das notieren …«

Hier wurde der Redestrom des Diakons Achilla plötzlich unterbrochen, denn aus der Ferne vom Hügel ließ sich ein Husten vernehmen, das nur vom Vater Propst kommen konnte.

»Halloh! Da kommt der Propst Sawelij!« ruft Achilla, springt vom Gesims auf die Erde und geht seines Weges.

Die Pröpstin erhebt sich, zündet zwei Kerzen an und blickt bei ihrem Scheine den eintretenden Gatten scharf an. Der Propst küßt die Frau leise auf die Stirn, nimmt die Kutte ab, zieht den weißen Schlafrock über, bindet das rote Seidentuch um den Hals und setzt sich ans Fenster. Die Pröpstin hat alles vergessen, was ihr eben noch der Diakon vorgeredet, und fragt den Gatten gar nicht danach. Sie geleitet ihn in das kleine längliche Nebenzimmer, das ihr als Schlafzimmer dient und wo sie jetzt den Abendimbiß für den Vater Sawelij bereitgestellt hat. Vater Sawelij setzt sich an den kleinen Tisch, verzehrt die zwei weichgekochten Eier, spricht sein Dankgebet und wendet sich dann seiner Frau zu, um ihr Gute Nacht zu sagen. Die Pröpstin selbst ißt abends nie etwas. Sie sitzt ihrem Gatten gegenüber und leistet ihm allerhand kleine Dienste, indem sie ihm bald etwas reicht, bald etwas fortträgt. Dann erheben sich beide, beten vor dem Heiligenbild und beginnen unmittelbar darauf, sich gegenseitig zu bekreuzigen. Diesen Abendsegen erteilen sie einander immer zu gleicher Zeit und mit solcher Gewandtheit und Geschwindigkeit, daß man sich nur wundern kann, wie ihre hin- und herwirbelnden Hände kein einziges Mal gegeneinander stoßen oder aneinander hängen bleiben.

Hierauf wechseln die Gatten den Abschiedskuß, wobei der Propst seiner kleinen Frau die Stirne, sie ihm aber das Herz küßt. Dann trennen sie sich. Der Propst geht in sein Wohnzimmer, um sich niederzulegen.

Aber heute konnte der Alte keine Ruhe finden. Schon war eine Stunde vergangen, und immer noch ging er auf und ab in seinem weißen Pikeeschlafrock, mit dem roten Seidentuch um den Hals. Endlich trat er an einen kleinen roten Schrank, der auf einer hohen Kommode mit abgezogener Platte stand. Aus diesem Schränkchen nahm er ein in dicken blauen Demi-Coton mit gelbem Juchtenrücken gebundenes Exemplar des »Kalenders« des Eugenios, legte das Buch auf den ovalen Tisch, der vor seinem Bette stand, zündete zwei Sparkerzen an und horchte auf: es schien, als ob seine Frau noch nicht schliefe. So war es auch.

»Willst du noch lesen?« fragte in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer die sanfte, besorgte Stimme der Pröpstin.