Die Leute, die ihm das Geleit gegeben, blieben noch eine Zeitlang, bis endlich ein jeder seines Weges ging. Die Nacht brach herein, alle Pforten und Pförtchen wurden verschlossen und verriegelt und der Mond konnte aus seiner blauen Höhe auf dem vereinsamten Pfarrhofe nur noch die ebenfalls vereinsamte Natalia Nikolajewna erblicken.

Sie beeilte sich nicht, ins Haus zurückzugehen, sondern saß weinend auf der Veranda, von der ihr Mann vor kurzem heruntergestiegen war. Schluchzend drückte sie ihren kleinen Kopf gegen das Geländer, – ach, sie hatte keinen Freund, keinen Tröster! Doch nein! Ein Freund war da, ein treuer, zuverlässiger Freund …

Plötzlich wurde das Pförtchen weit aufgerissen und vor die weinende Alte trat der Diakon Achilla. Er war barhäuptig, in einem kurzen dicken Leibrock und weiten Hosen und mit mehreren Säcken beladen. Hinter sich zog er zwei Pferde, deren jedes ein großes schweres Bündel auf dem Rücken trug. Natalia Nikolajewna sah schweigend zu, wie Achilla die Pferde in den Hof führte, sie von ihrer Last befreite, und wieder zum Pförtchen ging, das er mit der Energie eines sorgsamen Hausvaters verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte.

»Diakon! Du kommst zu mir!« rief Natalia Nikolajewna, welche seine Absicht begriffen hatte.

»Ja, du leidende Mutter, ich bin gekommen, dich zu behüten.«

Sie umarmten und küßten sich, und Natalia Nikolajewna begab sich in ihr Schlafzimmer, um dort weiter zu wachen, Achilla aber brachte seine Pferde in die Scheune, breitete dann eine Filzdecke auf der Veranda aus, streckte sich lang auf derselben aus und vertiefte sich in den Anblick des Sternenhimmels. Während der ganzen Nacht schlief er nicht. Er dachte nur daran, wie er seinem Justizminister helfen könnte. Das war etwas anderes, als den Warnawka verprügeln! Hier war Verstand nötig. Aber was kann der Verstand allein, wenn ihm keine äußere Gewalt zur Seite steht? Ja, hätte man, wie es in dem Märchen erzählt wird, einen Zaubermantel oder Siebenmeilenstiefel. Oder eine Tarnkappe! Dann würde er gewußt haben, was er zu tun hätte! So aber, so! Der Diakon wußte sich absolut keinen Rat, und dennoch mußte etwas unternommen werden.

Als Achillas Gedanken beim Zaubermantel und bei der Tarnkappe angelangt waren, da kam es dem an keinerlei sophistische Grübeleien Gewohnten vor, als fiele eine kaum noch zu tragende, schwere Last ihm von der Seele, er atmete auf und flog selbst auf dem Zaubermantel in die Ferne hinaus. Unsichtbar trat er in den Siebenmeilenstiefeln und mit der Tarnkappe zu dem einen und dem andern der hohen Würdenträger, zu denen er ohne Zaubermittel nicht hoffen konnte zu gelangen. Er weckte sie durch einen sanften Rippenstoß aus dem Schlaf und sagte: »Tut dem Pfarrer Sawelij kein Leid an. Ihr werdet's sonst, wenn es zu spät ist, zu bereuen haben.«

Als die hohen Herren die Stimme des Unsichtbaren vernahmen, warfen sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her, sprangen plötzlich auf, liefen hinaus und schrien: »Um Gottes willen, nehmt euch des Pfarrers Sawelij an!« … Aber das alles läßt sich in unseren Tagen nur mit Hilfe von Siebenmeilenstiefeln und einer Tarnkappe erreichen, und es war gut, daß Achilla rechtzeitig daran gedacht und sich damit versehen hatte. Dank ihnen allein konnte der Diakon in seiner gelben Nankingkutte in einen strahlenden Palast dringen, dessen Glanz ihn so unerträglich blendete, daß er selbst nicht froh war, sich dort hineingewagt zu haben. Die Stätte, welche er vorher besucht hatte, hätte schließlich wohl auch genügt, aber die Siebenmeilenstiefel waren in Schuß gekommen und hatten ihn an einen Ort gebracht, wo er infolge der blendenden Helle kaum etwas unterscheiden konnte, so daß er Sawelij und seine Mission am Ende ganz vergaß und nur noch dachte, wie er wieder fortkommen könnte. Die geschwinden Stiefel aber trugen ihn immer höher und höher hinauf, und das Zauberwort, das ihnen Halt gebieten konnte, hatte er vergessen …

»Ich verbrenne, bei Gott, ich verbrenne!« schrie der Diakon und versuchte sich hinter einem vor ihm auftauchenden kleinen Schattenfleckchen zu verbergen, – als ihm zu seiner Verwunderung aus diesem Fleckchen die sanfte Stimme des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch entgegentönte.

»Hört doch auf, Vater Diakon, im Schlaf zu schreien, daß Ihr verbrennt! Allenfalls vor Scham müßten wir alle verbrennen!« sprach der Zwerg, das Gesicht des Diakons durch seine kleine Gestalt vor der Sonne schützend.