»12. Mai. Die Eitelkeit hat mich übermannt: ich habe mir von der Wirtschafterin der Frau Adelsmarschall zwei seidene Kleider der Gnädigen auf Kredit geben lassen und habe sie in die Stadt zum Färben geschickt. Daraus will ich mir dann eine seidene Kutte machen lassen. Es geht nicht anders, man muß sich akkurat kleiden. Ich komme allmählich in alle adeligen Häuser, und ich will nicht über die Achsel angesehen werden.«
»17. Mai. Die Pfarrerin Natalia Nikolajewna deutete heute an, daß sie sich betreffs ihres Zustandes getäuscht habe.«
»20. Juni. Auf einen Bericht des Stadthauptmanns, daß ich zu Ostern nicht auch in die Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuze gegangen, wurde ich wieder nach der Gouvernementsstadt zitiert. Ich legte die ganze Sache dem Bischof eingehend dar. Nicht aus Fahrlässigkeit hätte ich die Häuser der Altgläubigen gemieden, denn auch meine Tasche hätte ja davon Schaden gehabt. Ich tat es, um die Schismatiker fühlen zu lassen, daß ihnen die Ehre nicht gebühre, von mir und dem gesamten Klerus besucht zu werden. Der Bischof wurde nachdenklich und ließ sodann diese meine Erklärung gelten. Allein nicht umsonst sagt das Volk, daß, wenn der Zar auch gnädig sei, sein Hundejunge es noch nicht zu sein brauche. Weil die Sache meiner unterlassenen Amtshandlung zum Teil auch die weltliche Obrigkeit angeht, schickte der Bischof mich zum Gouverneur, damit ich ihm eine Erklärung in der hochwichtigen Angelegenheit abgebe … War das eine Erklärung! … Wehe mir armen Sünder, was ich auszustehen hatte! Wehe auch euch, ihr meine Nächsten, meine Brüder, Vertrauten und Freunde, ob der Schmach und Erniedrigung, die ich von diesem kurzschwänzigen Glaubensfeind erdulden mußte! Der Gouverneur, der als Deutscher die Ambitionen seines Luther hochhalten zu müssen wähnt, ließ den russischen Popen überhaupt nicht zu sich heran, sondern schickte mich zur Erörterung der Angelegenheit zu seinem Kanzleivorsteher. Dieser, ein Pole, war aber nicht geneigt, die Sache wie der Bischof anzusehen, sondern er fiel über mich her mit Geschrei und Gebrüll, sagte, ich leiste den Ketzern Vorschub und widersetze mich dem Willen meines Kaisers. Wehe dir, du aussätziger Pole, daß du mit deinem löcherigen Gewissen dich unterstehst, mir Widersetzlichkeit gegen meinen Kaiser vorzuwerfen! Allein ich nahm es hin und ging schweigend von dannen, des Sprichwortes gedenkend: Wie der Herr, so's Gescherr. Und so gewinnt es den Anschein, als wäre alles Geschilderte nur geschehen, um meine neue seidene Kutte einzuweihen, welche, wie ich hier bemerken will, sehr akkurat gefertigt ist, und der man es nur bei Sonnenschein ein wenig ansieht, daß sie aus zwei verschiedenen Stoffen gefertigt ist.«
»23. März 1837. Heute, am Karsamstag, kamen die Kleriker und der Diakon zu mir. Prochor bittet, wir sollten zu Ostern durchaus auch in die Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuz gehen, denn es brächte ihnen zu viel Schaden, wenn wir es unterließen. Ich gab ihnen vierzig Rubel von meinem Gelde, weil ich mich der Schmach nicht unterziehen wollte, vor den Türen der reichen Bauern um Almosen zu bitten. Jetzt scheint es mir eine Torheit, daß ich mir die seidene Kutte machen ließ; ich wäre auch ohne sie ausgekommen und hätte dann mehr für den Klerus übriggehabt. Ich gedachte eben: Kleider machen Leute.«
»24. April. Eine Schmach ist mir widerfahren, die mich weinen und schluchzen ließ. Ich bin erneut denunziert worden. Nochmals stand ich vor jenem Gouvernementskanzleivorsteher und mußte mich wegen Nichtbesuches der Altgläubigen verantworten. Mein eigener Klerus hat mich denunziert. Wie ertrag' ich diese Niedrigkeit und Undankbarkeit! Du Denker und Administrator! Betrachte in deinem aufgeklärten Geiste, woraus das Leben eines russischen Popen sich zusammensetzt! Auf dem Heimwege haderte ich die ganze Zeit mit mir selber, daß ich nicht auf die Akademie gegangen war. Von dort wäre ich zur Klostergeistlichkeit gegangen, wie so viele andere. Mit der Zeit wäre ich Archimandrit geworden und Bischof. In einer Kutsche wäre ich gefahren und hätte selber kommandiert, statt daß man mich kommandierte. Es war mir eine boshafte Freude, mich diesen eiteln Gedanken hinzugeben; immer wieder sah ich mich als Bischof. Aber als ich heimgekehrt war, wurde ich so zärtlich von meiner Pfarrerin empfangen, daß ich Gott dem Herrn dankte, der alles so gefügt hat, wie es ist.«
»25. April. In der Gouvernementsstadt haben sie mir Schmach angetan; allein das ist nichts dagegen, wie ich heute zu Hause beschämt worden bin. Einem Schulbuben gleich. Gestern erst schrieb ich die Memorabilien meiner Bekümmernisse und Ärgernisse nieder. Heute stand ich früh auf, setzte mich ans Fenster, und in Gedanken versunken schaute ich auf das Gemüsefeld des bettelarmen Pizonskij, das sich gerade vor meinem Fenster ausbreitet. Voriges Jahr wurde auf diesem Felde ein schwachsinniges Mädchen, eine gewisse Nastia, die ein vorüberziehender Soldat verführt hatte, von einem Knäblein entbunden, worauf sie sich in den Fluß stürzte und ertrank. Pizonskij hatte dieses Kind als Trost seines einsamen Alters zu sich genommen, und dann hatten alle die Geschichte bald vergessen. Ich als einer der ersten ebenfalls. Heut aber blicke ich von oben herab auf das Land dieses Pizonskij und denke an meine Angelegenheiten, da bemerke ich, daß dieser frisch aufgerissene, schwarze, sogar ein wenig bläuliche Erdboden ganz ungemein lieblich anzuschauen ist, wie er so von der Morgensonne übergossen daliegt. Die Furchen entlang schreiten hagere schwarze Vögel und stärken ihren hungernden Leib mit frischem Gewürm. Der alte Pizonskij selbst, den kahlen Kopf im hellsten Sonnenlicht badend, stand auf einer Treppe vor einem auf Pfählen befestigten Treibbeet, hielt in der einen Hand eine Schale mit Samen und legte mit der andern die Körner in die Erde, immer kreuzweise in ganz kleinen Prisen. Und dabei blickte er zum Himmel empor und sprach bei jedem Korn ein Wort des Spruches: »Herr, laß wohlgelingen, wachsen und gedeihen, auf daß ein jeder sein Teil habe, der Hungernde und der Verwaiste, der Wünschende, der Bittende und der Fordernde, der Segnende und der Undankbare.« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, da schrien alle schwarzglänzenden Vögel, die auf dem Acker umhergingen, die Hühner gackerten, der Hahn krähte aus vollem Halse und schlug laut mit den Flügeln, und von seiner Matte schob sich jenes Kind, das Söhnlein der Blödsinnigen, das der alte Sonderling zu sich genommen. Es lachte hell auf in kindischer Freude, klatschte in die Händchen und kroch lachend über den weichen Erdboden. Es war mir wie eine Vision. Der alte Pizonskij war glückselig und sang laut Halleluja! … Halleluja, Herr mein Gott! – sang auch ich still für mich vor Entzücken, und Tränen der Rührung entströmten meinen Augen. In diesen heilenden Tränen löste sich mein Groll und ich sah ein, wie töricht mein Kummer gewesen war. Vermehre und laß wachsen, Herr, deine Gaben auf dieser Erde, daß ein jeder sein Teil erhalte, der Wünschende, der Bittende, der Fordernde und der Undankbare. … Mir ist ein solches Gebet in keinem gedruckten Buch vorgekommen. Gott, mein Gott! Dieser alte Mann gedachte auch des dem Diebe zukommenden Teiles und betete für ihn! O du mein weichherziges Rußland, wie bist du schön!«
»6. August, Christi Verklärung. Was für ein entzückendes Weib ist meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna! Wieder frage ich: wo, außer im heiligen Rußland, kann es solche Frauen geben? Ich sagte ihr einmal, wie mich die Zärtlichkeit des bettelarmen Pizonskij zu den Kindern rühre, und gleich verstand oder erriet sie meine Gedanken und meine Sehnsucht: sie umarmte mich und mit der Schamröte, die ihr so schön zu Gesichte steht, sprach sie: »Warte nur, Vater Sawelij, vielleicht schenkt uns Gott doch noch – –« ein Kindlein wollte sie sagen. Aber ich hab' es zu oft schon erfahren, daß diese ihre Hoffnungen sich als trügerisch erwiesen, daher fragte ich sie gar nicht nach den Einzelheiten, – – und es kam auch wirklich wieder so, daß man sich nur vergeblich gefreut hatte. Aber auch aus diesem blinden Lärm ward mir ein rührendes Erlebnis. Heute predigte ich von der Notwendigkeit einer beständigen inneren Wandlung, daß man Kraft gewinne, in allen Kämpfen gleich einem starken und geschmeidigen Metall geschmiedet zu werden, und nicht dem Ton gleichwerde, der sich plattdrücken läßt, und wenn er trocken wird, noch die Spur des Fußes zeigt, der zuletzt auf ihn trat. Und wie ich so redete, ließ ich mich zu einer Improvisation hinreißen und wies das Volk auf Pizonskij hin, welcher an der Tür stand. Zwar nannte ich nicht seinen Namen, aber ich redete von ihm als von einem, der sich in unserer Mitte befinde, der zu uns gekommen sei nackt und bloß und von allen Narren ob seiner Armut verspottet, der aber doch nicht nur selbst nicht zugrunde gegangen sei, sondern auch das Größte getan habe, was ein Mensch tun könne, da er unbefiederte Vöglein gerettet und aufgezogen habe. Ich sprach davon, wie süß das sei, den wehrlosen Leib der Kleinen zu wärmen und in ihre Seelen die Saat des Guten zu streuen. Als ich das ausgesprochen hatte, fühlte ich meine Wimpern von Tränen feucht und sah, daß auch viele von den Zuhörern ihre Augen trockneten und jenen suchten, den meine Seele meinte, Kotin den Bettler, Kotin den Ernährer der Waisen. Und als ich merkte, daß er nicht mehr da war, denn er war demütig hinausgegangen, weil er meine Andeutung verstanden hatte, da ergriff mich eine gewisse Beklemmung, daß ich ihn durch mein Lob verwirrt hatte, und ich sprach: »Er weilt nicht mehr unter uns, liebe Brüder! Denn er bedarf dieses meines schwachen Wortes nicht, weil das Wort der Liebe längst schon mit dem Flammenfinger Gottes in sein demütiges Herz geschrieben ist. Ich bitte euch,« sprach ich und neigte mich tief, – – »ihr alle, die ihr hier versammelt seid, ehrenwerte und angesehene Mitbürger, vergebt mir, daß ich in meiner Ansprache euch keinen hochberühmten Feldherrn als Muster der Kraft und als Beispiel zur Nachahmung hingestellt habe, sondern einen von den Geringen, und wenn euch das ärgern sollte, so legt das meiner Armut zur Last, denn euer sündiger Pfarrer Sawelij hat oft, wenn er auf diesen Geringen schaute, gefühlt, daß er neben ihm kein Priester des höchsten Gottes sei, sondern in diesem Gewande, das meine Unwürde verhüllt, nichts als ein übertünchter Sarg. Amen.«
Ich weiß nicht, was in diesen meinen schlichten Worten, die ich ganz ex promptu gesprochen hatte, Weises und Schönes enthalten war. Ich muß aber sagen, daß meine andächtige Gemeinde etwas dieser Art herausgehört hatte, und als ich bei der Entlassung meine Hand den einzelnen darreichte, fiel mehr denn eine Träne darauf. Doch das ist noch nicht alles: das Wichtigste sollte für mich erst kommen.
Gewissermaßen als Belohnung für mein aufrichtiges Wort über das Glück, nicht bloß für die eigenen, sondern auch für fremde Kinder sorgen zu können, hat der Allgegenwärtige und Allwaltende auch meine Unwürdigkeit in seine Vaterhand genommen. Er hat mir heute den ganzen wahren Wert des Schatzes offenbar gemacht, den ich dank seiner unermeßlichen Milde besitze. Eben komme ich mit fünf nach der Messe geweihten Äpfeln heim, da erwartet mich an der Schwelle eine alte gute Bekannte: meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna. Sie war während des Schlußgesanges leise hinausgeschlichen und hatte mir daheim nach Gewohnheit den Tee nebst einem leichten Frühstück bereitet. Nun steht sie kerzengerade auf der Schwelle, nicht mit leeren Händen, sondern mit einem Strauß von Wasserlilien und Gartenlevkojen. »Nun, bist du nicht ein hinterlistiges Weib, Natalia Nikolajewna!« sage ich, der ihr sonst nie Hinterlist vorgeworfen. Aber sie begriff, daß es im Scherz gesagt war, umhalste mich und begann leise zu weinen. Woher diese Tränen? – Das ist ihr Geheimnis, allein für mich ist dieses dein Geheimnis nicht geheimnisvoll, liebes Weib, daß du nicht weißt, wie es seinen Gatten trösten soll, und das ihm den Trost Israels, den kleinen Benjamin, nicht schenken darf. Ja, nur mit Wasserlilien und Gartenlevkojen begrüßte mich an diesem Tage ihr in Liebe und Wohlwollen weit aufgetanes Herz! In stiller Bekümmernis setzten wir zwei Kinderlosen uns an den Teetisch, doch nicht der Tee, sondern unsere Tränen wurden uns zum Trank; und Hand in Hand sanken wir nieder vor dem Bilde des Heilandes und lange und heiß beteten wir zu ihm um den Trost Israels. Natascha entdeckte mir später, daß sie gleichsam eine Engelstimme vernommen habe, und ob ich gleich verstand, daß dieses nur eine Frucht ihrer Phantasie gewesen, so wurden wir doch beide froh wie die Kindlein. Ich muß aber bemerken, daß auch in dieser Stimmung Natalia Nikolajewna mich, den rohen Mann, an Findigkeit des Geistes und an Würde der erhabenen Gefühle weit übertraf.