»Sage mir, Vater Sawelij,« fragte sie lieblich kosend, »sage mir, Lieber, hast du nicht irgendeinmal, ehe du mich gefunden, gegen das Gebot der Keuschheit gesündigt?«
Eine solche Frage, muß ich gestehen, machte mich äußerst verlegen, denn ich begriff plötzlich, warum meine unartige Gattin etwas ihr so wenig Geziemendes erfahren wollte.
Aber mit ihrer ganzen ausgezeichneten Bescheidenheit und all jener weiblichen Koketterie, die sie auch als Pfarrersfrau von der Natur geerbt hat, begann sie mich mit Erinnerungen aus meiner verflossenen Jugendzeit zu locken, und wies darauf hin, daß das, was sie angedeutet, sehr leicht hätte geschehen können, denn ich sei damals so schmuck gewesen, daß alle Mädchen, nicht nur aus geistlichen, sondern auch aus weltlichen Häusern, mir nachgeseufzt hätten, als ich in die Stadt Fatesh gekommen sei, um bei ihrem Vater um sie anzuhalten. So erheiternd das auch war, so suchte ich doch alle ihre Zweifel über meine Jugend zu zerstreuen, was mir auch nicht schwer fiel, denn ich brauchte nur die reine Wahrheit zu sagen. Allein je eifriger ich sie beruhigte, desto betrübter ward sie, und ich konnte nicht fassen, warum meine Rechtfertigung sie gar nicht erfreute, sondern nur immer trauriger machte, bis sie endlich sagte:
»Denke nach, Vater Sawelij, vielleicht, wenn du doch leichtsinnig gewesen … gibt es irgendwo noch ein Waisenkind …«
Nun erst verstand ich, was sie klar auszusprechen sich geschämt hatte: sie will mein illegitimes Kind ausfindig machen, das gar nicht vorhanden ist! Welche Herzensgüte! Wie ein Stier, den die Bremse gestochen hat, riß ich mich von meinem Platze, stürzte nach dem Fenster und richtete meine Blicke in die himmlische Ferne hinaus, daß nur der Himmel mich sehe, mich, den sein Weib so durch seine Güte und Sorglichkeit beschämt hatte. Sie aber, meine Lilien- und Levkojenfreundin, meine weiße, keusche, süß duftende Rose, mit leichten Schritten schlich sie mir nach und legte ihre kleinen Pfötchen mir auf die Schultern und sprach:
»Denke nach, Liebster: vielleicht ist irgendwo ein Vöglein vorhanden, und ist es so, dann lasse uns gehen und es holen!«
Nicht nur aufsuchen will sie das Kind, – sie hat es schon lieb, sie bemitleidet es wie ein noch unbefiedertes Vöglein! Das ward mir zu viel, ich biß mich in den Bart, fiel vor ihr in die Knie, neigte mich tief zur Erde und brach in jenes Schluchzen aus, das keiner auf Erden zu schildern vermag. Und in Wahrheit, saget mir, alle Zeiten und Völker, – wo außer in unserem heiligen Rußland, werden Frauen geboren, wie diese Tugend? Wer hat sie das alles gelehrt? Wenn nicht Du, allgütiger Gott, der Du sie deinem unwürdigen Knecht gegeben hast, daß er Deine Größe und Deine Güte näher fühlen solle!«
Hier war im Tagebuch des Vaters Sawelij fast eine ganze Seite mit Tinte begossen und unter dem Fleck standen die Zeilen:
»Weder will ich diesen Fleck entfernen noch eine gewisse Ungeschicklichkeit und Monotonie des Ausdrucks, die ich in den letzten Zeilen finde, verbessern; mag alles so bleiben, denn alles, was dieser Augenblick mir geschenkt hat, ist mir in seiner gegenwärtigen Gestalt teuer. Meine Pfarrerin konnte heut von ihren Schelmereien nicht lassen, obgleich es schon auf Mitternacht geht und sie gewöhnlich um diese Zeit schon zu schlafen pflegt. Ich aber ziehe es vor, mich in der Stille der Nacht noch an einem passenden Buch zu erquicken, oder auch meine Memorabilien aufzuzeichnen, und oft, wenn ich etwas geschrieben habe, trete ich an ihr Lager und küsse die Schlafende, und wenn mich etwas betrübt hat, so schöpfe ich aus diesem Kusse neuen Mut und neue Kraft, und schlummere dann friedlich ein. Heut aber ist es anders gegangen. Nach diesem Tage, der mir eine solche Menge verschiedenartigster Empfindungen gebracht hat, war ich so in die Schilderung alles dessen, was auf den vorhergehenden Blättern geschrieben steht, vertieft, daß ich mein arges Weiblein gleichsam in meiner Seele selbst fühlte, und da meine Seele sie küßte, dachte ich nicht daran, an ihr Bett zu treten und sie zu küssen. Sie aber, die Feine und Arglistige, hatte diese meine Unterlassung wohl bemerkt und machte sie in unglaublich eigener Weise gut: vor einer Stunde kam sie zu mir, legte mir ein reines Schnupftuch auf den Tisch, gab mir einen Kuß und ging dann, scheinbar ganz ernst, zur Ruhe. Aber welch unfaßbare weibliche Schlauheit muß ich an ihr entdecken! Wie ich so ganz ernst dasitze und schreibe, sehe ich, daß mein Tuch sich scheinbar bewegt und auf den Boden fällt. Ich bückte mich, legte es wieder auf den Tisch und schrieb weiter; aber das Tuch fiel wieder auf den Boden. Ich nahm den Flüchtling und fesselte ihn, indem ich das Tintenfaß auf ihn stellte, aber er entwich von neuem und riß sogar das Tintenfaß mit, welches umfiel und meinen Kalender mit diesem mächtigen Fleck zierte. Was sollte nun diese Leinwandflucht bedeuten? Sie bedeutet, daß meine Pfarrerin eine ausgemachte Kokette ist, und zwar eine von ganz seltener Art, denn sie kokettiert nicht mit andern guten Leuten, sondern mit dem eigenen Ehgemahl. Sie hatte an das Tuch, das sie mir gebracht, heimlich einen recht langen Faden befestigt, durch die Türritze bis zu ihrem Bette gezogen, und während sie ganz still daliegt, zupft sie scherzend an dem Faden, so daß mir das Tuch aus der Hand gleitet. Und ich dickfelliger Kerl entdeckte dies nur, weil bei dem letzten Fallen des Tuches hinter der Tür ein leises fröhliches Lachen ertönte, und ich ihre nackten Füßchen stampfen hörte!«