»7. August. Die ganze vorige Nacht habe ich vor Glück nicht schlafen können, und ich lüge nicht, wenn ich hinzufüge, daß auch Natascha an dieser Nachtwache nicht unbeteiligt war. Wie die Verliebten vor St. Peter auf die Sonne warten, so saßen wir im sechsten Jahr unserer Ehe im Fenster und harrten des Sonnenaufgangs. Meine Liebste gestand mir, daß sie oft nicht schlafe, wenn ich schreibe, und sich nur schlafend stelle. Auch manches andere gestand sie mir noch; so, daß sie gestern in der Kirche, als sie meiner Predigt zuhörte, die ihr ganz besonders gefallen habe, das Gelübde abgelegt habe, zu Fuß nach Kiew zu pilgern, sobald sie sich gesegneten Leibes fühle. Ich billigte das nicht, denn eine solche Wanderung ist den Kräften einer Schwangeren gar nicht angemessen; ich erlaubte ihr aber doch, das Gelübde zu erfüllen, denn bei einer so großen Freude würde ich selbstverständlich auch mitgehen und wenn sie ermüdet, würde ich sie tragen. Wir machten gleich einen Versuch. Ich trug sie lange auf meinen Armen durch den Garten und träumte, sie wäre schon guter Hoffnung und ich behütete sie, daß ihr auf der Wanderung kein Unheil zustoße. Und so sehr gewann dieser Sehnsuchtstraum Gewalt über mich, daß ich, als Natascha sich scherzend auf die Schaukel setzte, welche das kleine Mädchen der Köchin sich an einem Apfelbaum befestigt hatte, diese Schaukel herunternahm und sie ganz hoch in den Baum warf, damit in Zukunft nichts dergleichen geschehe, worüber Natascha sehr lachte. Allein, obgleich auch mein Leben nicht reich ist an Dingen, die sorgfältig geheimgehalten werden müßten, so ist es dennoch gut, daß der Wirt unseres Hauses seinen Garten mit einem festen Zaun umgeben hat, und Gott längs diesem Zaun die Himbeersträucher recht dicht hat wachsen lassen, denn sonst hätte am Ende dieser oder jener gesagt, daß es keine Sünde wäre, den Popen Sawelij einmal auch einen Hansnarr zu nennen.«

»9. August. Ich notiere eine höchst erheiternde Begebenheit, wie meine Gattin heut mit dem Sohne des Diakon, einem Seminaristen der Rhetorikklasse, in richtigen Streit geriet. Das war ein Kasus und eine Komödie zugleich. Sie stritten darüber, wer der klügste Mann auf Erden gewesen. Der Rhetor sagte: Salomo, meine Pfarrerin aber behauptet, ich sei's, und ich muß zugeben, daß diesesmal der üppige König von Zion einen weit weniger standhaften Advokaten fand, als ich. O, wie hab' ich gelacht! Was nicht alles in dieser Welt passieren kann! Ich hörte das alles aus dem Schlafzimmer, wo ich meine Nachmittagsruhe hielt; als ich erwacht war, wagte ich die Disputation nicht mehr zu unterbrechen, und die zwei redeten mächtig aufeinander ein. Der Rhetor, der für die Weisheit Salomonis eintrat, berief sich auf die Worte der Schrift, daß »Salomo weiser war, denn alle Menschen«, meine Eheliebste aber schlug ihn mit folgendem Argument: »Was reibt Ihr mir Euer ›also‹ und ›denn‹ und ›sintemal‹ unter die Nase? All diese ›denn‹ und ›also‹ haben gar keine Bedeutung, weil das alles geschrieben wurde, bevor der Vater Sawelij geboren war.« Jetzt mengte sich in diesen Diskurs noch der Pfarrer von St. Nikita, Vater Zacharia Benefaktow, hinein, der dem ganzen Streite zugehört hatte, und ihn zum Schluß brachte, indem er meiner Gattin recht gab. Es sei richtig, sagte er, – will heißen, richtig in dem Sinne, daß ich damals noch nicht auf der Welt war. So behielt ein jeder von diesen drei Kritikern recht. Ich allein, dem alle ihre kritischen Meinungen zur Antikritik vorgelegt wurden, blieb im Unrecht: vorerst betrübte ich meine Natascha, indem ich ihre Meinung, ich sei der klügste von allen, verwarf, und auf ihre Frage, wer denn klüger sei als ich, antwortete, sie selber sei es. Dem ward verzweifelter Widerstand entgegengesetzt, wie er sich nur gegen die Wahrheit richten kann: »Die Klugen,« – sagte sie, – »können über alle Dinge urteilen, ich aber kann das gar nicht und diskutiere niemals. Woher kommt das?« Da faßte ich sie leise an ihrem kleinen Näschen und erwiderte: »Du mischst dich darum nicht gerne in die Diskussion, weil du statt einer widerspenstigen Nase nur dieses kleine sanftmütige Knöpfchen hast.« Sie verstand wohl, was ich mit diesem Scherz sagen wollte, – nämlich ihre Herzensmilde ins rechte Licht rücken – und sie suchte nun es zu widerlegen, indem sie daran erinnerte, wie sie einmal mit der Postmeistersfrau handgemein geworden sei, um ihr ein Dienstmädchen zu entreißen, das jene unmenschlich hart strafen wollte.«

»15. August, Mariä Himmelfahrt. Während ich mich so meiner Gattin freute, hatte ich gar nicht bemerkt, daß meine Predigt am Verklärungstage, von der Natascha so erbaut gewesen, auf andere Leute anders gewirkt hatte, und daß ich eine mir höchst unerwünschte Mißstimmung unter einigen Leuten in der Stadt hervorgerufen hatte. Meine andächtigen Zuhörer, natürlich nicht alle, aber einige, und unter diesen in erster Linie die Postmeisterin Timonowa, fühlen sich gekränkt, daß ich sie durch meine Anspielung auf Pizonskij herabgesetzt habe. Indessen, das sind alles nur Torheiten müßiger und unkluger Geister. Nach und nach wird das an dem Selbstgefühl der hohen Herrschaften wieder abtrocknen, wie die Wunden am Fell des Hundes.«

»3. September. Ich war in einem großen Irrtum befangen. Die Angelegenheit ist keineswegs erledigt. Aus dem Konsistorium kam eine Anfrage, ob ich wirklich eine Predigt mit Hinweis auf eine lebende Person improvisiert hätte? Ach Gott, was für eine Angst hat man bei uns vor allem Lebendigen! Nun, ich habe denn auch geantwortet, ich hätte dieses und das gesagt. Ich meine, man wird mich dafür nicht hängen und mir den Kopf nicht abhauen, – und doch ist mir gegen meinen Willen unbehaglich zumute, und meine Ruhe ist hin.«

»20. Oktober. Gewiß können sie einem den Kopf nicht abschlagen, aber den Mund können sie einem stopfen, und das haben sie denn auch nicht ermangelt zu tun. Am 15. September wurde ich zur Rechenschaft gezogen. Schon diese Hast ließ wenig Gutes vermuten, denn mit dem Guten haben's die Leute bei uns nicht eilig, am allerwenigsten die Machthaber. – Trotzdem machte ich mich voller Mut auf den Weg. Dieser wurde zuerst dadurch abgekühlt, daß ich 36 Tage ohne Bescheid blieb, und dann der Befehl kam, hinfort alles, was ich zu sagen gedenke, vorerst dem Zensor Troadij vorzulegen. Das wird niemals geschehen, lieber will ich stumm sein wie ein Fisch. Vergib mir meinen Hochmut, Allwalter, aber ich kann das Amt des Predigers nicht mit kalter Leidenschaftslosigkeit ausüben. Ich fühle mitunter, wie etwas über mich kommt, wenn meine geliebte Gabe wirken will. Dann erfaßt mich eine, ich kann wohl sagen heilige Unruhe; meine Seele bebt und glüht und die Worte fallen wie feurige Kohlen von meinen Lippen. Nein, dann trägt meine Seele ihr eigenes Zensurgesetz in sich! … Und sie verlangen, ich soll an Stelle der lebendigen Rede, die vom Herzen zum Herzen geht, rhetorische Übungen hervorbringen!

Nein! lieber mögt ihr euch schließen, ihr Lippen, die ihr nicht zu schmeicheln wißt, lieber sollst du schweigen, mein schlichtes Wort! Gezwungen predigen mag ich nicht.«

»23. November. Ich kann wahrhaftig nicht behaupten, daß mein Leben aller Abwechslung entbehrt. Im Gegenteil, es geht alles bunt durcheinander, so daß die Spannung keinen Augenblick nachläßt. Achtzehn Werst von unserer Stadt, in dem großen Kirchdorf Plodomasowo, lebt die Besitzerin dieses Dorfes, die Bojarin Marfa Andrejewna Plodomasowa. Dieser Knüppel ist von so altem Holz, daß man schon längst keinerlei Lebenszeichen an ihm bemerkt hat; man weiß nur aus alten Erinnerungen, daß sie eine Frau von nicht geringem Geiste war. An die zwanzig Jahre schon kann kein Fernerstehender sich rühmen, die Bojarin Plodomasowa gesehen zu haben.

Vorgestern, kurz vor zwölf Uhr mittags, war ich unsagbar erstaunt, als ich eine große herrschaftliche Droschke, mit drei Füchsen bespannt, vor meinem Hause vorfahren sah. Im Wagen saß ein absonderlich kleines Männlein, in einer haarigen Filzmütze mit langem Schirm und in einem braunen Mantel, den eine Menge übereinanderliegender Kapuzen und Pelerinen zierten.

Was, dachte ich, kann das für eine seltsame Person sein, und kommt sie auch wirklich zu mir oder hat sie nur irrtümlicherweise den Weg zu mir genommen? Diese meine Zweifel wurden aber sehr bald durch jene geheimnisvolle Person selbst gelöst, die in mein Wohnzimmer trat, mit jenem überaus feinen Anstand, welcher mir stets so wohlgefiel. Vorerst bat der Gast um meinen Segen, dann machte er mit seinem ausnehmend kleinen Füßchen einen Kratzfuß, trat mit einer Verbeugung zwei Schritte zurück und sprach:

»Meine Herrin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, haben mir einen Gruß an Euch aufgetragen, Vater Sawelij, und bitten Euch, alsbald mit mir zu ihr zu kommen.«