»Darf ich nun meinerseits,« sprach ich, »erfahren, mein Herr, aus wessen Munde ich das alles höre?«

»Ich bin,« erwiderte der Kleine, »ein Leibeigener Ihrer Exzellenz, der gnädigen Frau Marfa Andrejewna, und nenne mich Nikolai Afanasjew.«

Nachdem dieses winzige Persönchen sich mir so vorgestellt hatte, erinnerte es mich nochmals daran, daß seine Herrin mich erwarte.

Während ich mich im Nebenzimmer ankleidete, knüpfte dieser interessante Zwerg eine Unterhaltung mit Natalia Nikolajewna an und brachte sie durch seine Reden in helles Entzücken. Und wahrlich, es liegt in den Worten und in der ganzen Redeweise dieses winzigen Greises etwas unaussprechlich Liebliches. Dazu kommt noch sein feiner Anstand und eine große Freundlichkeit. Dem Dienstmädchen, das ihm ein Glas Wasser brachte, legte er einen Zwanziger auf das Tablett, und als sie zögerte, das Geld zu nehmen, wurde er selbst verlegen und sagte: »Nein, meine Beste, tun Sie das mir nicht an, es ist das nun mal so meine Gewohnheit.« Und als meine Pfarrerin zu mir hinausgegangen war, um mir die Haare zu salben, nahm er das schmutzige Mädelchen der Köchin, das der Mutter nachgelaufen war, bei der Hand und sagte: »Hör mal, wie die Entchen da unten am Flusse schwatzen. Die Ente, die feine Dame, sagt zum Enterich, dem Kavalier: Kauf mir 'ne Kappe, kauf mir 'ne Kappe! – und der Enterich antwortet: Hab schon, hab schon, hab schon!« Das Kind lachte laut, und auch ich konnte mich bei dieser Auslegung des Entengeschnatters eines Lächelns nicht erwehren. Dessen hätte sich auch der Herr Lafontaine oder unser Iwan Krylow nicht zu schämen brauchen.

Die Fahrt verlief mir im Gespräch mit diesem wunderbaren Zwerge so schnell, daß ich kaum etwas vom Wege sah. So viel Verstand, Reinheit und Gesundheit fand ich in allen seinen Reden.

Nun aber kommt die Hauptsache: die Stunde der Begegnung mit der einsamen Bojarin nahte.

Es wundert mich nicht wenig, daß ich in der Erwartung, obschon ich von Natur keineswegs schüchtern bin, doch so etwas wie eine kleine Verzagtheit verspürte. Nikolai Afanasjewitsch führte mich durch eine Reihe Gemächer, deren Prunk und äußerste Sauberkeit mich staunen machten, und blieb endlich in einem runden Zimmer mit zwei Reihen Fenstern stehen, deren Wölbungen mit bunten Scheiben geziert waren. Hier fanden wir eine alte Frau, die nur um ein Geringes größer war als Nikolai. Als wir eintraten, stand sie da und drehte den Griff einer großen Orgel. Fast hätte ich sie für die Herrin selbst gehalten und ihr eine Verbeugung gemacht. Aber als sie uns erblickte, – dank der weichen Teppiche, die in allen Gemächern den Fußboden bedeckten, waren wir unhörbar eingetreten – verstummte sofort ihre Musik, und mit einer etwas tierischen Hast eilte sie in den Nebenraum, dessen Eingang ein großer Vorhang aus weißem Atlasstoff schloß, der mit allerlei chinesischen Figürlein in farbiger Seide bestickt war.

Diese Frauensperson, welche mit solcher Hast hinter dem Vorhang verschwand, war, wie ich später erfuhr, die leibliche Schwester des Nikolai und ebenfalls eine Zwergin. Es fehlte ihr aber die Liebenswürdigkeit, die aus der ganzen äußern Erscheinung ihres sanften Bruders sprach.

Nikolai folgte seiner Schwester hinter den Vorhang, nachdem er mich gebeten hatte, auf einem Sessel Platz zu nehmen. Während der halben Stunde, welche ich warten mußte, empfand ich eine gewisse Bitterkeit im Munde, die mir noch aus meiner Kindheit, von den Schulprüfungen her, so gut im Gedächtnis geblieben war. Aber auch das nahm ein Ende. Hinter dem Vorhang vernahm ich die Worte: »Nun zeig mir mal den klugen Popen, der, wie ich höre, gewohnt ist, die Wahrheit zu reden.«

Wie auf den Wink eines Zauberers, an unsichtbaren Schnüren gezogen, teilte sich der Vorhang plötzlich, und die Bojarin Plodomasowa stand vor mir. Ihre Stimme, die ich zuvor gehört hatte, widerlegte schon meine Meinung von ihrer Hinfälligkeit, und ihre Erscheinung tat es noch mehr. In einer Fülle der Kraft, die, schien es, nie versiegen konnte, stand die Bojarin vor mir. Von Wuchs nicht groß und auch nicht besonders üppig, scheint sie gleichsam über allem zu herrschen. Auf ihrem Antlitz liegt der Ausdruck einer großen Strenge und Wahrhaftigkeit, und, nach den Zügen zu schließen, muß es einstmals sehr schön gewesen sein. Ihr Gewand ist seltsam und zu der heutigen Zeit wenig passend, ein Halbrock aus hellem Tuch, darunter ein Sammetrock, grell orangegelb, und gelbe Stiefelchen auf hohen silbernen Absätzen. Um den Kopf windet sich mehrfach, wie bei einer Türkin, ein großer brauner Schal. In der Hand hält sie einen Stock mit einem Amethyst-Knopf. Zu ihrer Rechten stand Nikolai Afanasjewitsch, zur Linken Maria Afanasjewna, hinter ihr der Pfarrer der Dorfkirche, Vater Alexei, ein entlassener Leibeigener, der auf ihre Anordnung zum Priester geweiht worden war.