»Was heißt: vergib? Vergib du mir,« antwortete der Propst und faßte ihre Hand, die er leidenschaftlich küßte. »Ich habe dich mit meiner starren Unbotmäßigkeit so weit gebracht, aber wenn du willst … sage nur ein Wort und ich gehe und demütige mich dir zuliebe.«

»Was fällt dir ein? Nie werde ich dieses Wort sagen! Soll ich deine Lehrmeisterin sein, der du alles weißt und alles zum Rechten wendest?«

»Um meiner Ehre willen muß ich dieses tragen, Liebste.«

»Und Gott möge dir helfen, an mich aber sollst du nicht denken.«

Der Propst küßte noch einmal die Hände seiner Frau und ging an sein Tagewerk, Natalia Nikolajewna aber wickelte sich in ihre Decke und schlief ein. Und da sah sie im Traum den Diakon Achilla, der zu ihr ins Zimmer trat und sprach: »Warum betet Ihr denn nicht, daß der Vater Sawelij sein Leid leichter trage?« – »Wie denn?« fragt Natalia Nikolajewna, »lehre mich, wie ich zu beten habe.« – »Nun,« antwortet Achilla, »Ihr sollt bloß sagen: Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst.« – »Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst,« wiederholte Natalia Nikolajewna andächtig, und plötzlich war ihr, als nähme der Diakon sie auf seine Arme und trüge sie in das Allerheiligste, – der Raum war unendlich groß: Säule reihte sich an Säule, und der Altar reckte sich bis zum Himmel empor und flammte in tausend hellen Lichtern; hinter ihnen aber, von wo sie gekommen waren, schien alles winzig klein, so klein, daß sie gelacht hätte, wenn es sie nicht beunruhigt hätte, daß sie doch ein Weib sei, das Allerheiligste also gar nicht betreten dürfe. »Bist du bei Sinnen, Diakon!« sagte sie zu Achilla, »man wird dich deines Amtes entsetzen, wenn man erfährt, daß du eine Frau ins Allerheiligste getragen hast.« Er aber erwiderte: »Ihr seid keine Frau, sondern eine Kraft!« Und mit einem Male war Achilla und das Allerheiligste und der Altar und die Lichter – alles, alles verschwunden, und Natalia Nikolajewna schlief nicht mehr, sondern wunderte sich nur, warum alles um sie herum immer noch so klein aussah: der Samowar da drüben war gar kein richtiger Samowar, sondern ein Spielzeug, und die Teekanne darauf war nur eine Eierschale …

In diesem Augenblick kam Tuberozow aus dem Kloster zurück und fing an, freundlich zu ihr zu sprechen, sie aber wehrte mit beiden Händen ab.

»Still,« sagte sie, »still: ich muß ja bald sterben.«

Der Propst blickte sie ganz erstaunt an.

»Was fällt dir ein, Natascha? Gott behüte uns in Gnaden!«

»Nein, Liebster, ich muß sterben. Ich lebe nur noch halb.«