Siebentes Kapitel.
Seit dem Hinscheiden Sawelijs hatte der Diakon sich nicht mehr zu Bette gelegt und die drei schlaflosen Nächte nebst der gespannten Aufmerksamkeit, die er unausgesetzt dem Toten widmete, hatten die stahlharten Nerven Achillas in einen Zustand äußerster Erregung versetzt.
Die Instinkte und Leidenschaften, welche sonst vor allem das Tun und Lassen des Diakons bestimmt hatten, schienen jetzt völlig verstummt zu sein und an ihre Stelle traten Seelenzustände, wie sie ihm bisher gar nicht eigentümlich gewesen waren.
Von seiner einstigen Zerfahrenheit und seinem Leichtsinn war nichts mehr zu merken. Er war in sich gekehrt und ganz im Banne schwerer Gedanken, von denen er sich nicht zu befreien vermochte. Er war nicht bleich geworden und seine Augen blickten nicht matt: im Gegenteil, über seiner gebräunten Haut lag ein mattrosiger Schimmer. Er sah alles mit einer Deutlichkeit und Schärfe, daß ihm die Augen schmerzten. Jeden Ton hörte er, als käme er aus seinem eigenen Innern, und vieles war ihm verständlich geworden, woran er früher überhaupt nie mehr gedacht hatte.
Er begriff jetzt alles, was der verstorbene Sawelij gewollt und angestrebt hatte, und er nannte den Entschlafenen einen Märtyrer.
In den drei Nächten der Totenwache redete er wiederholt mit dem Verstorbenen und wartete allen Ernstes darauf, daß unter dem Brokattuch, das über das Antlitz des toten Propstes gebreitet war, eine Antwort erschallen würde.
»Väterchen!« sprach der Diakon leise, sich im Lesen des Evangeliums unterbrechend und in der nächtlichen Stille an den Sarg herantretend, – »stehe auf! Wie? Für mich allein stehe auf! Du kannst nicht? Du liegst da wie Gras?«
Und dann stand oder saß er einige Minuten stumm da, um endlich das monotone Lesen wieder aufzunehmen.