In der dritten und letzten Nacht war Achilla für einen Augenblick eingeschlummert. Als er kurz vor Mitternacht erwachte, löste er den Vorleser ab und schloß die Tür hinter ihm zu.
Nachdem er das Sticharion angelegt hatte, stellte er sich vor das Pult, berührte die Schulter des Toten mit der Hand und sagte:
»Nun höre, Väterchen, heut lese ich zum letztenmal,« – und dann fing er an, das Johannisevangelium zu lesen. Vier Kapitel las er, und als er beim fünften angelangt war, stockte er bei einem Vers, seufzte tief auf und wiederholte die große Verheißung zweimal: »Denn es kommt die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens.«
Nachdem er diesen Satz zweimal laut gesprochen hatte, wiederholte Achilla ihn in Gedanken noch einige Male, – und kam nicht weiter.
»Jetzt hat er doch schon die Stimme des Gottessohnes gehört und ist zu neuem Leben erwacht … Ich sehe ihn nur nicht, aber er ist hier.«
Er merkte nicht, daß die Nacht schon vergangen war und am Himmel der erste bleiche, bernsteinfarbene Streif der Morgenröte aufleuchtete, die letzte Morgenröte, die auf Erden die sich auflösenden Reste dessen beleuchten sollte, der einst Vater Sawelij war und die Stimme seiner heimischen Erde so gerne hörte und so gut verstand.
Als der Diakon sah, daß es hell geworden war, seufzte er, trat vom Pult zum Sarge, stützte sich mit den Armen auf die beiden Seitenwände, so daß die hohe Brust Sawelijs unter seiner Brust lag, hob sachte mit zwei Fingern das Brokattuch empor, das über dem Gesicht des Toten gebreitet lag, und sprach:
»Väterchen, Väterchen, wo ist jetzt dein Geist? Wo ist dein flammendes Wort? Gib mir Unverständigem etwas von deinem Geiste!«
Achilla fiel an die Brust des Toten, zuckte plötzlich zusammen und fuhr zurück: ein Schauer war ihm durch seine Glieder gefahren. Er sah sich nach allen Seiten um: alles war still, nur seine schwergewordenen Augenlider klebten zusammen und eine große Müdigkeit zog seinen Kopf abwärts.
Der Diakon raffte sich auf, warf sich zum Gebet nieder und erschrak vor dem Laut seines fallenden Körpers: über sich glaubte er ein Knacken zu vernehmen, und es schien ihm, als sitze Sawelij aufrecht, das Brokattuch vor dem Gesicht und das Evangelienbuch in den todesstarren Händen.