»Ach, du langgereckter Holzknüppel, du!«

Der Rektor, der auf ein besonderes Bittgesuch hin den Achilla wieder in die Rhetorik-Klasse aufgenommen hatte, staunte jedesmal, wenn er den werdenden Recken zu Gesichte bekam, und pflegte, verblüfft über diese Riesengröße, Riesenkraft und Rieseneinfalt, zu äußern:

»Es dünkt mich zu wenig, dich bloß einen Knüppel zu nennen, sintemalen du in meinen Augen zum mindesten eine volle Ladung Holz repräsentierest.«

Der Dirigent des bischöflichen Sängerchores endlich, in den Achilla eingereiht wurde, nachdem er aus der Rhetorik entfernt und dem Klerus zugezählt worden war, nannte ihn »unermeßlich«.

»Dein Baß ist gut,« sagte der Dirigent, »er donnert wie eine Kanone; aber unermeßlich bist du bis zum äußersten, so daß ich angesichts dieser Unermeßlichkeit gar nicht weiß, wie ich dich würdig behandeln soll.«

Die vierte und gewichtigste Charakteristik des Diakons Achilla stammte von dem Bischof selbst, und zwar ward dessen Urteil an einem für den Achilla sehr denkwürdigen Tage ausgesprochen, dem Tage nämlich, wo er, Achilla, aus dem bischöflichen Chor ausgeschlossen und als Diakon nach Stargorod geschickt wurde. Sie lautete: »der Gepeinigte«. Es dürfte aber wohl angebracht sein, zu erzählen, auf welche Weise der brave Achilla zu diesem Namen kam.

Der Diakon Achilla war von Jugend auf ein sehr impulsiver Mensch, der sich nicht nur in seinen Jünglingsjahren immer wieder hinreißen ließ, sondern auch in den Jahren des nahenden Alters.

Trotz der »Unermeßlichkeit« seines Basses war Achilla im Sängerchor doch sehr geschätzt, weil er mit gleicher Leichtigkeit sich zu den höchsten Höhen emporzuschwingen und bis zur tiefsten Oktave hinabzuklettern vermochte. Eins nur machte dem Dirigenten bei dem unermeßlichen Achilla immer wieder Angst, – seine übergroße Begeisterungsfähigkeit. So konnte er etwa bei der Vesper sich nicht damit begnügen, das »Heilig ist der Herr unser Gott« nur dreimal zu singen, sondern ließ sich oft fortreißen, es ganz allein zum vierten Male anzustimmen; besonders aber konnte er den Lobgesang am Schluß des Gottesdienstes nie zur rechten Zeit abbrechen. Doch in allen diesen Fällen, die schon bekannt waren und die man deshalb auch voraussehen konnte, wurden vernünftigerweise entsprechende Vorsichtsmaßnahmen getroffen: einer der erwachsenen Sänger erhielt nämlich den Auftrag, den Achilla am Rockschoß zu ziehen oder ihn im geeigneten Moment durch einen kräftigen Druck auf beide Schultern zusammenknicken zu lassen. Indessen nicht umsonst sagt das Sprichwort, daß man sich nicht für jeden Augenblick vorsehen könne. An einem der großen zwölf Feiertage hatte Achilla in der Kommunionsliturgie ein sehr schwieriges Baß-Solo auf den Text »von Schmerzen gepeinigt« zu singen. Die Bedeutung, die der Dirigent und der ganze Chor diesem Solo beimaß, machte dem Achilla nicht wenig Sorge: er war in großer Unruhe und dachte hin und her, wie er es anstellen sollte, sich nicht zu blamieren, sondern vor der Eminenz, die ein großer Liebhaber guten Kirchengesanges war, und vor dem gesamten Gouvernementsadel, der an diesem Tage in der Kirche sein würde, in Ehren zu bestehen. Tag und Nacht ging er bald in seiner Stube, bald im Korridor oder im Hofe, bald im bischöflichen Garten oder auf dem Weideplatz vor der Stadt auf und ab und sang in den verschiedensten Tonarten: »gepeinigt, gepeinigt, gepeinigt«. So brach endlich der Tag seines Ruhmes an, wo er sein »gepeinigt« in der gedrängt vollen Domkirche zu Gehör bringen sollte. Gott, wie groß und strahlend stand der gewaltige Achilla da, das Notenblatt in der Hand. Die wohlbekannten Vorschläge sind erledigt. Nun kommt das Baß-Solo. Achilla schiebt seinen Nachbar mit dem Ellenbogen beiseite und zählt leise die Takte. Jetzt ist es so weit. Der Dirigent hebt die Hand mit der Stimmgabel … Achilla hat die ganze Welt und sich selbst vergessen, und in der wunderlichsten Weise, der Posaune des Erzengels vergleichbar, donnert er bald ganz schnell, bald langsam gedehnt: »Von Schmerzen gepeinigt, gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t, gepeinigt.« Mit Gewalt hält man ihn zurück, sich in weiteren unvorhergesehenen Variationen zu ergehen, und das Konzert ist beendet. Aber in dem »fortgerissenen« Geiste Achillas war es noch nicht zu Ende. Während die Honoratioren der Stadt mit leisen Begrüßungen an den Bischof herantraten, um seinen Segen entgegenzunehmen, ertönte es vom Chor plötzlich wieder, wie ein Posaunenstoß vom Himmel: »Gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t!« Das singt der in seiner Begeisterung ganz um den Verstand gebrachte Achilla. Man zupft ihn – er singt weiter. Man drückt ihn zu Boden, um ihn hinter den Rücken seiner Genossen verschwinden zu lassen, – er singt: »gepeinigt«. Man führt ihn endlich aus der Kirche hinaus, unentwegt singt er: »g-e-p-e-i-n-i-g-t!«

»Was ist dir?« fragen ihn mitleidige Leute voller Teilnahme.