»Gepeinigt,« singt er, sie verständnislos ansehend, und bleibt an der Tür der Vorhalle stehen, bis ihn endlich ein Strom frischer Luft von draußen ernüchtert.

Im Vergleich zu dem Propst Tuberozow und dem Vater Benefaktow kann Achilla Desnitzyn als junger Mann gelten, aber auch er hat die Vierzig schon hinter sich und seine tiefschwarzen Locken sind stark angegraut. Achilla ist von Riesengestalt und ungeheurer Kraft, seine Bewegungen sind eckig und schroff; sein Gesicht zeigt einen südlichen Typus und er behauptet, von kleinrussischen Kosaken abzustammen, von denen er auch in der Tat den Leichtsinn und die Tapferkeit und noch manches andere zu haben scheint.


Zweites Kapitel.

Alle diese meine altmodischen Helden wohnten auf dem Stargoroder Pfarrgehöft, am stillen, schiffbaren Fluß Turitza. Jeder von ihnen, Tuberozow, Zacharia und sogar der Diakon Achilla hatte sein eigenes Häuschen dicht am Ufer, gerade gegenüber dem jenseits des Flusses aufragenden alten Dom mit seinen fünf hohen Kuppeln. Aber so verschieden geartet, wie die drei Männer, waren auch ihre Wohnsitze. Das Haus des Vaters Sawelij war sehr hübsch, mit hellblauer Ölfarbe gestrichen und mit verschiedenfarbigen Sternchen, Quadraten und Schnörkeln über jedem der drei Fenster geziert. Letztere hatten außerdem noch holzgeschnitzte, grellbemalte Einfassungen und grüne Läden, die nie geschlossen wurden, denn das festgefügte Haus trotzte im Winter jeglichem Frost und der Propst liebte das Licht, liebte den Stern, der nachts vom Himmel in seine Stube schaute, liebte den Mondstrahl, der sich wie ein Brokatstreifen über den parkettartig gemusterten Fußboden legte.

Im Häuschen des Propstes herrscht absolute Reinlichkeit und Ordnung, denn es ist niemand da, der Schmutz oder Unordnung machen könnte. Der Propst hat keine Kinder und das ist eine Quelle steter Betrübnis für ihn und seine Lebensgefährtin.

Das Häuschen des Vaters Zacharia Benefaktow ist viel größer als das des Vaters Tuberozow. Aber es fehlt ihm jene Eleganz und Koketterie, die den Wohnsitz des Propstes auszeichnet. Das fünffenstrige, etwas schiefstehende, graue Haus des Vaters Zacharia erinnert eher an einen großen Geflügelstall, und, um die Ähnlichkeit perfekt zu machen, drängen und stoßen sich in den engen Rahmen seiner grünen Fenster unausgesetzt allerlei Schnäbelchen und Schöpfchen. Das ist die gesamte Nachkommenschaft des Vaters Zacharia, den Gott gesegnet hat, wie den Jakob, und dessen Gattin er fruchtbar gemacht hat, wie die Rahel. Bei Vater Zacharia fand man nichts von der spiegelglatten Sauberkeit des Tuberozowschen Hauses, nichts von dessen strenger Ordnung. Überall stieß man auf Spuren schmutziger Kinderpfötchen; aus jedem Winkel guckte ein Kinderköpfchen hervor; alles lebte und webte mit den Kindern und um die Kinder.

Der Diakon Achilla war Witwer und kinderlos. Wenig kümmerte er sich um irdische Güter und Hauswirtschaft. Hart am Flußrande hatte er eine lehmgestrichene, kleinrussische Kate, zu der aber keinerlei Nebengebäude gehörten; nicht einmal ein Zaun war vorhanden, nichts als eine rohe Lattenhürde, innerhalb derer, bis an die Knie im Stroh versinkend, bald ein scheckiger Hengst, bald ein falber Wallach, bald eine schwarze Stute umherstampfte. Die innere Einrichtung des Hauses war ebenfalls ganz kosakenmäßig: in dem vorderen, besseren Raume, den der Hausherr für sich selbst bestimmt hatte, stand ein hölzernes Sofa, welches Achilla auch als Bett diente. Eine weiße Kosaken-Filzdecke lag darüber gebreitet und am Kopfende ein ziselierter asiatischer Sattelbogen, an den sich ein kleines pfannkuchenähnliches Kissen in einem fettigen Nankingüberzug lehnte. Vor diesem Kosakenlager stand ein Tisch aus weißem Lindenholz. An der Wand hing eine Gitarre ohne Saiten, ein hänfener Fangstrick, eine Nagaika und zwei kunstvoll geflochtene Zäume. In der Ecke auf einem kleinen Wandbrett, hinter welchem ein verdorrter Palmweidenzweig gesteckt war, stand ein winziges Heiligenbild, die Himmelfahrt Mariä darstellend, vor dem ein kleines Kiewer Gebetbuch lag. Sonst war nichts, rein gar nichts in der Behausung des Diakons Achilla zu finden. Nebenan in einer kleinen Kammer hauste die alte Nadeshda Stepanowna, genannt Esperance, die früher einmal Zimmermädchen in einem adligen Gutshause gewesen war.

Sie war eine kleine, ältliche, gelbliche, spitznäsige, zusammengeschrumpfte Person von so unverträglichem und unerträglichem Charakter, daß sie trotz ihrer geschickten Hände nirgends dauernd unterkommen konnte, bis sie zu guter Letzt Bedienerin beim einsamen Achilla geworden war, dem sie vorschnattern und vorkeifen konnte soviel sie wollte, denn er beachtete dieses Geschnatter und Gekeife überhaupt nicht; nur wenn die Erregung seiner alten Hausgenossin gar zu arg wurde, machte er ihr im entscheidenden Augenblick durch ein donnerndes: »Versinke, Esperance!« ein Ende, worauf Esperance zumeist auch wirklich sofort verschwand, denn sie wußte, daß Achilla sie andernfalls in seine Arme nehmen, auf das Dach seiner Hütte setzen und dort bis zum Sonnenuntergang ihrem Schicksal überlassen würde.