So lebten diese Leutchen hin und trugen alle mehr oder weniger einer des andern Lasten und suchten sich gegenseitig das einförmige Dasein ein wenig bunter zu gestalten durch allerlei leichte Streitigkeiten und Mißverständnisse, welche auf die durch die Ereignislosigkeit des Kleinstadtlebens erschlaffte menschliche Natur eine so wohltuend aufrüttelnde Wirkung ausüben. So hatte zum Beispiel eines Tages der Gutsbesitzer und Adelsmarschall Alexej Nikititsch Plodomasow von einer Reise nach Petersburg den von ihm sehr hochgeschätzten Domgeistlichen verschiedene mehr oder weniger kostbare Geschenke mitgebracht, darunter auch drei Stöcke: zwei mit ganz gleichen Knöpfen aus Dukatengold für die beiden Pfarrer, den einen für Vater Tuberozow, den andern für Vater Zacharia. Der dritte Stock mit einem hübschen Knopf aus emailliertem Silber war für den Diakon Achilla bestimmt. Diese Stäbe fielen unter die Stargoroder Geistlichen wie die biblischen Schlangen, welche die ägyptischen Zauberer vor den Pharao hinwarfen.

»Durch diese Schenkung der Stäbe ist ein Zweifel in uns geweckt worden,« erzählte der Diakon Achilla.

»Was für einen Zweifel kann es denn geben, Vater Diakon?« fragten die Leute, denen er sein Leid klagte.

»Ach, ihr Laien versteht von solchen Dingen nichts. Erstens ziemt es mir in meinem Amte als Diakon gar nicht, einen solchen Stab zu tragen, denn ich bin kein Pfarrer. Ferner: ich trage diesen Stab jetzt trotzdem, denn ich habe ihn geschenkt bekommen. Drittens aber tritt dabei noch eine zweifelerregende Gleichstellung zutage: der Vater Sawelij und der Vater Zacharia haben Stäbe von ganz derselben Qualität und gleichem Aussehen erhalten. Darf man sie aber so völlig gleichstellen? … Ich frage, darf man das? … Vater Sawelij … ihr wißt es ja selbst … Vater Sawelij … ist ein Weiser, ein Philosoph, ein Justizminister … und nun sehe ich, daß auch er sich darin nicht zu finden weiß und verwirrt ist, ganz furchtbar verwirrt.«

»Was kann ihn denn so verwirren, Vater Diakon?«

»Es verwirrt ihn, daß erstens diese völlige Gleichheit Verwechselungen hervorruft. Was meint ihr, wie soll man erkennen, wem dieser Stab gehört? Versucht es doch herauszukriegen, welcher Stab dem Propst und welcher dem Zacharia zukommt, wenn sie beide ganz gleich aussehen! Freilich, zur Unterscheidung ließe sich ja irgendein Zeichen anbringen – ein Tröpfchen Siegellack auf den Knopf oder ein kleiner Einschnitt in das Holz. Wie steht es aber mit der politischen Seite der Sache? Es ist doch ganz unmöglich, daß der Propst und der Vater Zacharia gleich viel wert wären! Und der Propst fühlt das sehr wohl, und ich seh' es deutlich, und darum sag' ich ihm: ›Vater Propst, es ist in diesem Falle nichts anderes zu machen: gestattet mir, daß ich den Stab des Vaters Zacharia irgendwie zeichne, mit Siegellack oder durch einen Messerschnitt.‹ Er aber antwortet: ›Nichts dergleichen. Untersteh' dich nicht. Es ist nicht nötig.‹ Ja, wie denn nicht nötig?! ›Nun,‹ sag' ich da wieder, ›so gebt mir Euren Segen zu etwas anderm. Ich will ganz insgeheim den Stab des Vaters Zacharia mit dem Messer um einen Zoll kürzer machen, so daß der Vater Zacharia selber von dieser Verkürzung gar nichts merken soll.‹ Er aber nennt mich darauf einen Dummkopf. Gut denn, ich bin ein Dummkopf, ich hör's von ihm nicht zum erstenmal und von ihm kränkt's mich auch nicht, aber ich sehe doch, daß er mit alledem sehr unzufrieden ist, und das raubt mir alle Seelenruhe … Und ihr könnt mich einen dreifachen Dummkopf nennen,« – rief der Diakon, – »ja, ich gestatte es euch, nennt mich ruhig dumm, wenn er, der Vater Sawelij, nicht etwas ganz Politisches im Sinne hat. Ich weiß es ganz genau, daß er eben deswegen mich nicht gewähren läßt, weil er seine eigene Politik verfolgt.«

Und der Diakon Achilla schien sich nicht geirrt zu haben. Noch war kein Monat seit der Beschenkung der Stargoroder Geistlichkeit mit den erwähnten zweifelerregenden Stäben vergangen, als der Propst Sawelij sich plötzlich zu einer Reise in die Gouvernementsstadt zu rüsten begann. Man brauchte dieser Fahrt keine besondere Bedeutung zuzuschreiben, denn der Propst hatte in Amtsangelegenheiten oft genug mit dem Konsistorium zu verhandeln. Aber als der Vater Tuberozow bereits im Wagen saß, wandte er sich plötzlich zum Vater Zacharia:

»Hör' mal, Vater, wo ist denn wohl dein Stab? Gib ihn mir mal her, ich will ihn mit in die Stadt nehmen.«

Diese scheinbar von ungefähr gesagten Worte ließen ein Licht in den Gemütern aller derer aufgehen, die vor das Tor gekommen waren, dem Abreisenden das Geleite zu geben.

Der Diakon Achilla räusperte sich kräftig und flüsterte dem Vater Benefaktow ins Ohr: