Dieses ebenso verächtliche als ungerechte Urteil machte auf mich einen so unangenehmen Eindruck, daß ich, ohne mein Unbehagen zu verbergen, erwiderte:

»Glauben Exzellenz im Ernst, daß in Rußland einzig der Zufall regiert? Einmal mag's Zufall sein und noch einmal Zufall, aber beim dritten Male lassen Sie doch auch die Weisheit und den Heldenmut der Führer des Volkes gelten.«

»Alles ist Zufall, mein Bester, und in allem, was mit diesem Reiche geschieht, sehe ich neben dem Willen Gottes bisher nichts als Zufälligkeiten. Hätten deine Altgläubigen den langen Peter umgebracht, so säßen wir heute noch auf unserm vielgerühmten Grund und Boden nicht als mächtiger Staat, sondern als so was, wie die Bulgaren in der Türkei, und würden diesen selben Polen die Hände küssen. Eins nur gereicht uns zum Lobe: daß unser so viele sind. Es dauert lang, bis wir einander aufgefressen haben. Das ist uns eine gute Gewähr für die Zukunft.«

»Das ist traurig,« sagte ich.

»Laß dich's nicht bekümmern. Andere Länder bauen auf ihren Ruhm, unseres wird auch durch Schimpf stark. Aber nun haben wir genug geredet, ich bin schon müde geworden. Leb wohl. Und wenn was Schlimmes passiert, komm nur zu mir und beklage dich. Sieh nicht darauf, daß ich solch ein verschrumpfter Pilz bin. Der Pilz steht zwar im Wald, aber man weiß auch in der Stadt von ihm. Und wenn sie über dich herfallen, so freue dich drüber; wärst du ein Kriecher oder ein Dummkopf, so täten sie es nicht, sondern würden dich loben und den andern als Beispiel hinstellen.«

Nachdem sie gesprochen, wandte sie sich zur Zwergin, welche während unseres ganzen Gespräches ein Paket in der Hand hielt, ließ es sich geben, reichte es mir und sagte:

»Bring das in meinem Namen deiner Pfarrerin, es sind Korallen, die ich früher getragen, zwei Stück Stoff zu Kleidern, und Leinwand für den Hausgebrauch. Und für dich hab' ich hier einen Rubinring.«

Dieses Geschenk machte mich bei aller schlichten Herzlichkeit, mit der es überreicht wurde, doch etwas verlegen, und während ich die Korallenketten, die Seidenstoffe und den hell leuchtenden Rubin betrachtete, sagte ich: »Exzellenz, ich bin Ihnen für diese schmeichelhafte Aufmerksamkeit sehr dankbar. Die Sachen sind aber so prächtig, und meine Gattin ist eine ganz schlichte Frau …«

»Nun,« unterbrach sie mich, »um so besser, wenn du eine einfache Frau hast; wo der Mann und die Frau alle beide die Hosen anhaben, da kommt nichts Gescheites heraus. Es ist immer das beste, wenn die Frau ihren Weiberrock anbehält, – also mag sie sich aus dem da ein paar Röcke nähen.«

Hiermit war unser Gespräch beendet und ich muß gestehen, diese Frau erfüllte mich mit großer Bewunderung. Was mich aber am meisten wundert, das ist meine Unsicherheit ihr gegenüber. Woher kam es, daß mir die Zunge am Gaumen kleben blieb, als wenn ich etwas zu fürchten hätte? Und wenn ich dann zu reden versuchte, so kam alles so armselig heraus. Sie aber lenkte das Gespräch ganz nach ihrer Laune, und gab ich mir Mühe, recht klug zu scheinen, damit ihre Enttäuschung nicht gar so groß sei, so achtete sie gar nicht darauf. Ihre Worte kamen scheinbar ganz unvorbereitet, sie schien's auf eine Prüfung meines Verstandes nicht abgesehen zu haben, – und doch kann ich sie nicht vergessen! Worin liegt diese ihre Gewalt? Ich glaube, in jener feinen Weltbildung, welche unsere geistlichen Erzieher verachten, ohne zu bedenken, daß sie uns dadurch der so sehr notwendigen Findigkeit und Gewandtheit im Verkehr mit Menschen der großen Welt berauben.