Aber dieser Tag sollte damit noch nicht schließen. Es kam noch ein seltsames Erlebnis. Kaum hatte ich mich an der Freude meiner biedern Natascha über die Geschenke geweidet, da packte auch dieser ehrenwerte Zwerg Nikolai Afanasjewitsch seine Gaben aus. Zuerst überreichte er mir ein Paar gestrickte baumwollene Hosenträger, weiß mit roter Borte, und meiner Gattin ein Kopftüchlein aus zarter Kaninchenwolle. Während ich noch über die Seltsamkeit dieser neuen unerwarteten Gaben staunte, entnahm er seiner Tasche ein Paar wollener Strümpfe für unsere Dienstmagd Axinia, die eben den Samowar brachte. »Was ist denn das für ein Schenktag!« rief ich unwillkürlich aus, und wagte nicht, den Geber durch eine Ablehnung zu kränken. Er antwortete mir, es seien alles Arbeiten seiner eigenen Hand. »Da ich, dank meiner Wohltäterin, nicht zu arbeiten brauche und nichts anderes gelernt habe, so beschäftige ich mich immer mit Stricken, um nicht müßig zu sein und die Freude zu haben, diesem und jenem etwas von meinen Erzeugnissen zu schenken.« Diese Herzenseinfalt gefiel mir so, daß ich den kleinen Mann umarmte und ihn mit Küssen fast erstickte.
Werde ich meinen heutigen Bericht überhaupt je zu Ende bringen? Mit dem Weggang des Dieners der Bojarin Plodomasowa nahmen die Wunder des Tages immer noch kein Ende; denn als Axinia die Türe des Vorzimmers für die Nacht schließen wollte, entdeckte sie, daß am Kleiderständer etwas hing, was nicht uns zu gehören schien, und als Natascha und ich auf ihren Ruf hinauskamen, fanden wir: erstens einen dunkelbraunen Leibrock aus französischem Gras-de-Naples-Stoff, zweitens einen reichgestickten Kammgarn-Gürtel mit purpurroten Bändern, drittens eine Kutte aus kostbarem, grünem, unzerschnittenem Sammet, und viertens, in ein langes Stück Kaliko gewickelt, ein vollständiges Meßgewand.
Wir waren alle ganz verblüfft über diesen Fund und wußten nicht, wie wir uns seine Herkunft erklären sollten. Da bemerkte Axinia als erste ein Kärtchen am Knopf des Kragens der Kutte befestigt, auf dem mit runder Schrift, sozusagen ägyptischen Stils, geschrieben stand: »Gedenke, mein Freund Vater Sawelij, in deinen Gebeten der Magd Gottes Marfa.« Wir wußten uns vor Erstaunen nicht zu lassen, aber was war zu tun? Indem wir das neue Meßgewand auf dem Tisch ausbreiteten, erlebten wir eine neue Überraschung. Als Natascha das Schultertuch auseinanderfaltet, fällt ein versiegeltes Kuvert mit meiner Adresse heraus, welches fünfhundert Rubel und einen winzigkleinen Zettel enthält, auf dem von derselben Hand geschrieben steht: »Damit das Los deiner Familie im Fall eines Unglücks dich nicht beunruhige, wenn du vor dem Altar stehst, kaufe dir eine Kate und pflanze Kürbisse an. Dann wirst du ungestörter an den Ausbau des Gottesreiches denken können.«
Wofür wird mir das zuteil? Warum denkt sie nicht so, wie der Konsistorialsekretär und der Schließer, daß es leichter sei, am Reiche Gottes zu bauen, wenn man nichts habe, auf dem man sein Haupt hinlege?
Nun ist auch der Pope Sawelij nicht mehr heimatlos! Jetzt soll auch er sein Hüttlein haben. Aber ach! Es muß gesagt werden, dem Zufall verdankt er das!«
»6. Dezember. Gestern brachte ich das von der Gutsherrin geschenkte Meßgewand in die Sakristei und heute amtierte ich darin. Es paßt mir ausgezeichnet. Sonst, wenn ich die Gewänder meines verstorbenen Vorgängers anlegen mußte, der von sehr kleiner Statur war, erschien ich langer Kerl nicht in aller Herrlichkeit der Kirche, sondern sah aus wie ein Sperling, dem man die Schwanzfedern ausgezupft hatte.«
»9. Dezember. Sonderbar! Der Propst zieht mir ein schiefes Gesicht, aber da ich mir keiner Schuld ihm gegenüber bewußt bin, bin ich ganz ruhig.«
»12. Dezember. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen mir und dem Propst. Weswegen? Wegen des Plodomasowschen Meßgewandes: es sei nicht in der vorschriftsmäßigen Weise nach der Kirche geschaffen worden, – und dann fügte er noch hinzu, es »gingen allerlei Gerüchte, daß Ihr noch etwas von ihr erhalten hättet«. Soll das etwa heißen, daß ich nicht alles, was der Kirche zukommt, abgeliefert habe, sondern etwas davon gestohlen habe?«
»1. Januar. Segne das neue Jahr mit deiner Gnade, Herr, und den Popen Sawelij zu seiner neuen Fahrt in die Gouvernementsstadt. Ich glaube, daß vor diesen Widersachern auch kein Weihwasser schützt.«
»20. Januar. Diese Zeilen schreibe ich in der schmutzigsten Kammer des bischöflichen Hofes, im Seminarflügel. Dem Gouverneur ist mitgeteilt worden, daß mein Subdiakon Lukian den Schismatikern eines ihrer alten Psalmenbücher zurückgegeben hat, welches mit den andern bei der Aufhebung der Dejewschen Kapelle konfiszierten Büchern bei mir in Verwahrung war. Die Begebenheit ist wahr, ich hatte sie aber verheimlicht, erstens weil sie mir unwichtig dünkte, zweitens, weil ich den wahren Grund kannte: die Armut, die den Subdiakon Lukian soweit gebracht hatte. Aber diese Bagatelle wird mir nun als furchtbares Verbrechen angerechnet, ich bin unter Aufsicht gestellt und in die Seminarbrauerei geschickt worden, um Kwas zu brauen.«