»Am 15ten. Ich habe mir die Vorstellung angesehen. Ohne selbst gesehen zu werden, schaute ich durch eine Ritze im Hintertor. Achilla war wirklich da, aber nicht bloß als Zuschauer, sondern sozusagen als Mitwirkender. Er erschien in einem mächtigen Schafpelz, dessen Kragen hochgeschlagen war, und hatte ein gemustertes Tuch umgebunden, das seine Haare und den größten Teil des Gesichts bis an die Augen verdeckte. Ich erkannte ihn sofort, was nicht schwer war, weil er, als der vom Komödianten vorgeführte Riese und Athlet in fleischfarbenem Trikot erschien, in jeder Hand ein Fünf-Pud-Gewicht, und damit, ein wenig schwankend, die Bänke entlang wanderte, sich so weit vergaß, daß er mit seiner gewöhnlichen Stimme laut rief: »Was ist denn an all dem so Wunderbares?« Als hierauf der Riese in frechem Ton fragte, ob jemand mit ihm ringen wolle, und sich keine Liebhaber für solch einen Wettstreit fanden, trat Achilla, das Gesicht tief in das gemusterte Tuch vergrabend, vor und griff den Riesen an. Ich meinte, ihre Knochen müßten zerbrechen. Aber endlich überwand Achilla jenen hochmütigen Deutschen, und nachdem er ihm die Beine kreuzweis übereinandergelegt, wie man in feinen Häusern die gebratenen Poularden serviert, nahm er jene zehn Pud und den Kraftmenschen selber und begann mit dieser ganzen Last vor dem Publico auf- und abzugehen. Alles schrie »Bravo!« Am wunderbarsten aber war das Finale, das mein guter Achilla zum besten gab. »Meine Herrschaften,« wandte er sich ans Publikum, »vielleicht fällt es jemandem ein, zu behaupten, ich wäre wer anders. Bitte seid so gut und spuckt dann dem Kerl ins Gesicht, denn ich bin bloß der Kleinbürger Iwan Morozow aus Sewsk.« Als ob ihn jemand um diese Erklärung gebeten hätte. Aber mir war das doch immerhin eine recht heitere Zerstreuung. Ach, wie geht unser Leben dahin! Wie ist es schon hingegangen! Als ich von der Schaustellung wieder heimging, kamen mir Tränen in die Augen – ich weiß selbst nicht weshalb. Ich fühlte nur das eine, daß etwas da ist, das ich beweinen muß, wenn ich an die kühnen Pläne meiner Jugend denke und sie mit dem weiteren Verlauf meines Lebens vergleiche! Als mir einst jene große Kränkung widerfuhr, da träumte ich, ich könnte immer noch ein würdig Leben führen, nicht im Wirken nach außen, sondern in stiller Arbeit an der eigenen inneren Vervollkommnung; aber ich bin kein Philosoph, sondern ein Bürger; mir ist das nicht genug: ich plage mich und leide ohne Tätigkeit, und darum kann ich die Lebhaftigkeit meines lieben Achilla nicht immer verurteilen. Gott verzeihe ihm und segne seine entzückende Herzenseinfalt, in der ihn alles erfreut und erheitert. Dem Subdiakon Sergej habe ich gesagt, er hätte gelogen, und ich habe ihm verboten, noch weiter gegen den Achilla zu hetzen. Ich fühle, daß ich mit aller Schwäche eines Vaters diesen guten Menschen liebgewonnen habe.«
»14. Mai 1861. In was für seltsame Dinge kann den Menschen sein Leichtsinn verwickeln! Als ob wir nicht auch ohne den Diakon Achilla Hansnarren genug hätten. Der Stadthauptmann wollte bei seinem Schwiegervater, dem Verwalter der fürstlichen Güter Glitsch, ein Pferd für sein Sechsgespann kaufen, welches dieser aber nicht zu verkaufen gedachte. Da haben sie gewettet, daß der Stadthauptmann in den Besitz des Pferdes gelangen werde. Darauf hat der Stadthauptmann einen beschäftigungslosen Kleinbürger, namens Danilka, den sie hier den Kommissar nennen, für zwei Rubel gedungen, ihm das Pferd beim Herrn Glitsch zu stehlen. Einen zum Diebstahl anzustiften paßt sich vorzüglich für einen Stadthauptmann – sei es auch nur im Scherz. Was aber das Tollste war: mein Achilla erbot sich, dem Danilka bei dieser Sache zu helfen. Wieder war es der Subdiakon Sergej, der mir davon Mitteilung machte, und ich ließ den Achilla rechtzeitig zu mir kommen, um ihn für diesen Tag unter Aufsicht meiner Natalia Nikolajewna, für die er Butter schlagen mußte, zu stellen; nachts jedoch ließ ich ihn in meiner Stube auf dem Fußboden schlafen, und, damit er sich nicht davonmachen könne, verwahrte ich seine Kleider und Schuhe bis zum Morgen unter Schloß und Riegel. Heute früh aber wurden wir durch einen großen Lärm aufgeweckt: Nach dem Hause des Stadthauptmanns jagte ein mit drei Pferden bespannter Leiterwagen, in dem der Kommissar Danilka zwischen zwei Bauern saß und wie ein Wahnsinniger schrie. Wir gingen hinaus, um zu erfahren, aus welchem Grunde er so brüllte, und sahen, wie man dem Danilka die Hosen herunterzog, die ganz mit Nesseln vollgestopft waren. Es stellte sich heraus, daß der Herr Glitsch ihn ertappt und zur Strafe in die Nesseln gesetzt hatte, worauf die Gutsknechte ihn zu dem zurückgeschafft hatten, der ihn ausgesandt. Ich fragte den Diakon, wie ihm wohl zumute gewesen wäre, wenn er das Schicksal des Danilka hätte teilen müssen? Er erwiderte, das hätte ihm nicht passieren können. Wenn selbst ihrer zehn über ihn hergefallen wären, würde er sich ihnen nicht ergeben haben. »Nun, und wenn es zwanzig gewesen wären?« fragte ich. »Ja, mit zwanzig,« meinte er, »wär' ich auch nicht fertiggeworden,« und erzählte, wie er einmal als Schüler mit seinem Bruder zu den Ferien nach Hause gewandert wäre und sie gleichzeitig mit einer vorüberziehenden Abteilung Soldaten einen Holderstrauch mit ein paar Zweigen voller Beeren bemerkt, sich auf diese doch fast zu nichts zu gebrauchenden Beeren gestürzt hätten – Achilla und sein Bruder und an die vierzig Soldaten. »Es kam,« sagte er, »zwischen uns zu einem gewaltigen Handgemenge und mein Bruder Finogescha blieb für tot liegen.« Wie naiv und einfach das ist! Jede seiner Geschichten ist ein Ereignis! Das Leben ist ihm wirklich keinen Heller wert!«
»29. September 1861. Aus der Gouvernementsstadt ist der Sohn der Hostienbäckerin von St. Nikita, der Marfa Nikolajewna Prepotenskaja, Warnawa, hier eingetroffen. Er hat das Seminar als einer der ersten absolviert, aber nicht Geistlicher werden wollen und ist jetzt als Rechenlehrer an der hiesigen Kreisschule angestellt. Auf meine Frage, warum er den geistlichen Stand verschmäht habe, antwortete er kurz, er wolle kein Betrüger ein. Ich konnte diese dumme Antwort nicht ungerügt lassen und sagte ihm, er sei ein Narr. Aber so gering ich auch diesen Menschen und alle seine Meinungen achte, seine Antwort hat mir doch weh getan, wie der Stich einer giftigen Wespe.«
»27. Dezember. Achilla legt mitunter einen derartigen Leichtsinn an den Tag, daß man in seinem eigenen Interesse hart gegen ihn sein muß. Der schon mehrfach erwähnte Konstantin Pizonskij bat ihn jüngst, er möge den Knaben, den der arme Alte bei sich aufgenommen und großgezogen, ein recht schönes Gedicht lehren, mit dem das Kind den Bürgermeister zum Weihnachtsfest beglückwünschen könne, – Achilla hat sich gleich dazu bereit erklärt und dem Buben folgende Verse beigebracht:
Heute ward unser Heiland geboren.
Herodes hat den Verstand verloren.
Herr Bürgermeister ehrenwert,
Werd' Euch von Gott das gleiche beschert!
Nein, man muß ihn mit mehr Strenge behandeln.«
»1. Januar 1862. Der Arzt hat in Erfüllung seiner Amtspflicht die Leiche eines plötzlich Verstorbenen geöffnet, und der Lehrer Warnawa Prepotenskij ist mit mehreren Schülern der Kreisschule zur Sektion gekommen, um sie mit den Grundbegriffen der Anatomie bekannt zu machen. In der Klasse hat er sie später gefragt: »Habt ihr den Körper gesehen?« – »Ja,« sagten die Knaben. – »Und die Knochen habt ihr gesehen?« – »Die Knochen auch.« – »Habt ihr alles gesehen?« – »Alles.« – »Habt ihr auch die Seele gesehen?« – »Nein, die Seele haben wir nicht gesehen.« – »Nun, wo ist sie denn?« Und so bewies er ihnen, daß es keine Seele gäbe. Ich machte den Inspektor konfidentiell darauf aufmerksam und sagte, daß ich bei der nächsten Direktorenrevision bestimmt die Rede darauf bringen würde.
Nun bist du wieder nötig geworden, armer Pope! Du hast mit den Altgläubigen Krieg geführt und bist mit ihnen nicht fertig geworden; du hast mit den Polen gekämpft und kriegtest sie nicht klein. Jetzt sieh zu, was du mit dieser Narretei anstellst, denn da wächst schon die Frucht deiner Lenden auf. Wirst du damit fertig werden? Zähl's doch an den Knöpfen ab!«
»9. Januar. Ich bin an der Grippe erkrankt und kann das Haus nicht verlassen. Die Religionsstunden in der Kreisschule gibt Vater Zacharia an meiner Statt. Gestern kam er verwirrt und verstört zurück und erklärte unter Tränen, er könne mich in der Schule nicht länger vertreten. Die Ursache ist folgende: in der vorletzten Stunde hatte Vater Zacharia in der dritten Klasse von der göttlichen Vorsehung gesprochen, und heute prüfte er die Jungen daraufhin. Da sagt ihm plötzlich ein Schüler, der Sohn des Kolonialwarenhändlers Lialin, Alioscha, ein sehr begabter Bub, er »könne Gott den Schöpfer wohl gelten lassen, aber Gott den Fürsorger erkenne er nicht an«. Erstaunt ob einer solchen Antwort, fragte Vater Zacharia, worauf der junge Theologe seine Anschauung denn begründe, – und jener erwiderte darauf, daß in der Natur sehr viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu finden sei; er wies dabei vor allem auf den Tod hin, der für den Sündenfall eines einzigen ungerechterweise dem ganzen Menschengeschlecht auferlegt sei. Vater Zacharia, der diese freche Antwort nicht unerwidert lassen konnte, fing nun an, den Jungen zu erklären, daß wir, angesichts der Unvollkommenheit unserer Vernunft, über diese Dinge nicht gut urteilen könnten, und unterstützte seine Worte mit dem Hinweis, daß, wenn wir in unserer Sündhaftigkeit ewig wären, auch die Sünde und mit ihr alles Schlechte und Böse ewig sein müßte, – und, um die Sache noch deutlicher zu erläutern, fügte er hinzu, daß dann auch der blutgierige Tiger und der grimmige Hai ewig sein müßten, und überzeugte sie damit denn auch alle. Aber in der zweiten Stunde, als Vater Zacharia in der unteren Klasse war, kam derselbe Bub dort hinein und widerlegte den Vater Zacharia vor all den Kleinen, indem er sagte: »Was könnten der Tiger und der Hai uns denn anhaben, wenn wir unsterblich wären?« Vater Zacharia fand in seiner Gutmütigkeit und bei seinem Mangel an Schlagfertigkeit keine andere Antwort als: »Darüber haben sich schon klügere Leute als du und ich den Kopf zerbrochen.« Das ging aber dem alten Manne so nahe, daß er wohl eine Stunde bei mir geweint hat. Und ich muß zum Unglück immer noch krank sein und kann nicht aus dem Hause, um diesem Unfug zu steuern, hinter dem sicher der Lehrer Warnawa steckt.«