»15. August. Auf einem Festmahl beim Stadthauptmann kam es fast zu einem Skandal, wieder durch einen Streit um den Verstand, und das erinnerte mich an den alten Streit, der mich einst so lachen gemacht. Der Diakon Achilla und der Arzt stritten über mich. Der Arzt leugnete meinen Verstand, der Diakon pries ihn himmelhoch. Auf ihren Lärm und besonders auf das Geschrei des Arztes kamen wir ins Zimmer und sahen den Arzt hoch oben auf dem Schranke sitzen und verzweifelt mit den Beinen strampeln und stoßen. Achilla aber saß seelenruhig mitten im Zimmer in einem Lehnstuhl und meinte: »Nehmt ihn bitte nicht herunter, ich habe ihn sozusagen an Wasserflüssen Babylons an die Weiden gehängt für seine Widerspenstigkeit.« Ich konnte mich des Lachens kaum erwehren, hielt aber dem Diakon eine ordentliche Strafpredigt und sagte ihm, Gewalt sei kein Beweis. Er aber machte mir dafür eine tiefe Verbeugung und wandte sich hierauf zum Arzte: »Nun? Jetzt siehst du's wohl selbst, daß er der Justizminister ist.« Es ist wunderbar, wie dieser kosakische Diakon es gleichsam fühlt, daß ich ihn von ganzem Herzen liebhabe. Ich weiß selbst nicht warum. Aber er hat mich auch lieb.«

»25. August. Welch große Freude! Die katholische Geistlichkeit in Litauen hat Nüchternheitsvereine gegründet: sie predigen gegen die Trunksucht, und die Trunksucht läßt nach. Die Leute kommen zur Vernunft und die Blutsauger, die Branntweinpächter, platzen. Ach, wie gern würde ich auch in dieser Art predigen!«

»5. September. In einigen orthodoxen Gemeinden ist dasselbe versucht worden. Ich fürchte, ich halt's nicht aus und sage ein Wort! Aber da ich ohne Zensur nicht predigen darf, so will ich eine schlaue Intrige einfädeln und einen Mäßigkeitsverein gründen. Was soll man machen, notgedrungen folgt man dem Beispiel des Ignatius Loyola, wenn man auf geradem Wege nicht gehen darf.«

»7. Oktober. Wir haben die Statuten unseres Vereins entworfen, aber bestätigt ist er noch nicht. Dagegen schreibt man, daß der Branntweinpächter sich bei dem Minister über die Prediger beklagt habe, welche das Volk vom Trinken abhalten. O du freche Kanaille! Wagst es noch zu klagen, und noch gar dem Minister gegenüber!«

»20. Oktober. Eine wahnsinnige Nachricht! Die Zeitungen melden, im Juli dieses Jahres hätten die Branntweinpächter beim Minister des Innern über die orthodoxen Geistlichen, welche das Volk zur Nüchternheit anhalten, Beschwerde geführt, und der Herr Minister hätte sie dem Oberprokurator des Heiligen Synods weitergegeben, welcher geantwortet hätte, daß der Synod den Geistlichen seinen Segen gebe, an dem verdienstlichen Werke des Kampfes gegen den Mißbrauch berauschender Getränke nach Kräften mitzuwirken. Aber die Pächter gaben sich nicht zufrieden und petitionierten noch einmal um Aufhebung der Verordnung des Heiligen Synods. Hierauf soll der Finanzminister dem Oberprokurator des Heiligen Synods mitgeteilt haben, daß ein völliges Verbot des Gebrauchs geistiger Getränke nicht zulässig sei, wenn es durch religiöse Drohungen, die stark auf das Gemüt des einfachen Mannes wirken, und durch Ablegung von Gelübden durchgesetzt werde, weil dieses nicht nur der allgemeinen Anschauung von dem Nutzen eines mäßigen Weingenusses widerspreche, sondern auch gegen die gesetzlichen Verordnungen verstoße, auf Grund deren die Regierung die Schanksteuern verpachtet habe. Infolgedessen soll eine Verordnung getroffen worden sein, die Beschlüsse der Stadt- und Landgemeinden bezüglich der Branntweinverbote aufzuheben und keinerlei Gemeindeversammlungen in dieser Angelegenheit mehr zuzulassen. Sauf, mein armes Volk, sauf dich zu Tode!«

»8. November. Am Tage des Anführers aller heiligen und himmlischen Heerscharen, des Erzengels Michael, ward mir von der hohen Obrigkeit eine ellenlange Nase zuteil. Nicht nur von dem verbrecherischen Plan der Gründung eines Mäßigkeitsvereins hätte ich lassen sollen, sondern auch predigen dürfte ich nicht darüber, in Anbetracht von diesem und jenem und aus solchen Erwägungen und derartigen Rücksichten … bloß der einfache Nutzen der Menschheit zählt nicht mit … Aber habe ich nicht schon genug davon geschrieben? Soll ich denn immer nur meine eigene Schmach zu Papier bringen?«

»1. Januar 1860. Sogar den Jahresbeginn lasse ich jetzt unbeachtet! Wie heiß faßte ich früher alles auf und wie gleichgültig bin ich jetzt geworden. Meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna sagt freilich, ich wäre auch heute noch geradeso wie einst, aber wie könnte das sein! Ihr mag das mitunter wohl so vorkommen, denn auch sie hat mittlerweile das Alter der Mutter Sarah erreicht, ich aber sehe das besser … Der Leib ist gesund und sogar fett, aber was nutzt das, wenn die Seele schon gleichsam mit einer Rinde zu bewachsen beginnt.«

»27. März. Frühlingslüfte wehen und die Wasserbäche stürzen von den Hügeln. Der Diakon Achilla bringt schon seine Sättel in Ordnung und wird bald wieder als Steppenkirgise dahersprengen. Wohl ihm, daß er sich die Zeit so vertreiben kann.«

»23. April. Achilla erschien heute mit Sporen, die er sich für seine Spazierritte eigens von Pizonskij hatte anfertigen lassen. Schlimm, daß er in Nichts Maß zu halten versteht und jedes Ding gleich bis zum Äußersten treiben muß. Um ihn sofort in seine Schranken zu weisen, brach ich mit einem einzigen Tritt die Sporen von den Stiefeln des Achilla ab und verbot ihm zur Strafe für diese Albernheit das Reiten für dieses ganze Jahr. Somit muß er mir jetzt Buße tun. Was soll man aber machen, wenn er nicht anders gebändigt werden kann? Er ist imstande und gürtet sich nächstens noch ein Schwert um.«

»14. September. Der Subdiakon Sergej kam heute angeblich nach einer Bütte zu Sauerkraut und erzählte mir dabei scheinbar ganz von ungefähr, daß diesen Abend in der Scheune der Ziegelei ein zugereister Komödiant einen Riesen und Kraftmenschen vorführe, und der Diakon Achilla der Vorstellung beiwohnen wolle. Einen gemeinen und hinterhältigen Charakter hat dieser Sergej.«