»5. Dezember. Der neue Stadthauptmann ist angekommen. Er nennt sich Hauptmann Mratschkowskij. Der Name kommt vom Worte »mrak« – die Finsternis. O Herr, Du allein weißt, wann auch etwas vom Licht zu uns kommen wird!«

»9. Dezember. Heute war ich beim neuen Stadthauptmann zum Frühstück. Liebenswürdig sind sie beide, er sowohl wie die Gattin. Nachdem er gehörig getrunken hatte, sang er uns vor: »Denkst du daran, mein tapfrer Kampfgenosse?« Und sein Söhnchen, ein munterer Bub in einem russischen Hemd, sang auch: »Heil dir, Meister Frost, bist ein wackrer Russe!« Das sind mir doch Neuigkeiten! Aus dem Gespräch mit besagtem Mratschkowskij ist mir vor allem die Geschichte von einem Professor der Moskauer Universität bemerkenswert, der seinen Abschied erhalten haben soll, weil er in einer Festrede gesagt hatte: »Nunquam de republica desperandum«, – was bedeuten sollte: man darf niemals am Staat verzweifeln. Aber ein Kanzleiweiser legte es so aus, er hätte sagen wollen, man dürfe nie an der Republik verzweifeln. Daraufhin ward der Professor gebeten, sein Entlassungsgesuch einzureichen. Es ist kaum glaublich.«

»20. Dezember. Nein, der erste April ist nicht nur trügerisch, sondern auch rätselhaft. Ich will hier nicht alles erzählen, was mir bei meiner diesmaligen Fahrt nach der Gouvernementsstadt widerfuhr; nur das eine sei gesagt, daß ich beschimpft und geschmäht worden bin in jeder Weise. Es fehlte nur noch, daß sie mich für meine Beschwerde geschlagen hätten. Ich weiß nicht, wem ich es zu verdanken habe, da er selbst auf mich losfuhr und mich anschrie, man hätte meine Ränke schon satt; ich vermochte nichts zu erwidern, denn so wie ich nur die Lippen bewegte, hieß es gleich: »Schweig!« So mußte ich alles hinunterschlucken und bin nun wieder daheim. Wie eine Henne, die man mit Nesseln verprügelte. Nur das eine begreife ich nicht: warum erklärt man meine Tat, die ja vielleicht unvorsichtig war, durch nichts anderes, durch meine Unbildung oder durch mein Ungeschick, sondern – was meint ihr wohl? – durch Mißgunst! Weil nämlich jene Polen mich nicht in ihre Gesellschaft aufgefordert und mich nicht trunken gemacht, – obzwar ich, Gott sei gelobt, niemals ein Trinker gewesen. Von diesem Geringen auf das Große schließend, gedenke ich der Worte der französischen Jungfrau Charlotte Corday d'Armont, welche sie in ihrem letzten Brief vor ihrer Hinrichtung schrieb, daß sich nämlich »unter den neuen Völkern wenig Patrioten fänden, welche die einfache patriotische Leidenschaft verstehen und an die Möglichkeit, ihr Opfer zu bringen, glauben können. Überall nur Egoismus und alles wird durch ihn erklärt.« Wenn ich nur unsere Leute sehe, so bin ich geneigt, Charlotte Corday d'Armont recht zu geben, richte ich meinen Blick dann aber auf die Polen, denen jeder Zugvogel ein Lied von der Heimat singt, oder auf unsere Altgläubigen, die trotz allen Kränkungen und Unterdrückungen nicht aufhören, ihr russisches Land zu lieben, dann muß ich ihr widersprechen und behaupten, es gibt doch noch Vaterlandsliebe unter den Menschen. So weit kommt man auf seine alten Tage, daß man sogar an den Polacken etwas zu loben findet! Allein ich will mich fortan an das Wort halten, das ich neulich so viele Male zu hören bekam: »Schweig!« Nunquam de republica desperandum.«

»2. Januar 1849. Ich bin bei allen Altgläubigen gewesen und habe mir die Silberlinge herausschicken lassen. Ich kann mich dem nicht mehr widersetzen, allein es tut mir hin und wieder bitter weh. Ich mußte es aber tun, damit meine Pfarrerin nächstens nicht noch zur Subdiakonsfrau wird, denn nach dem, was ich erlebt habe, ist alles möglich.«

»1. Januar 1850. Das Jahr ist still und friedlich dahingegangen. Ich habe meine Wohltäterin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, zu Grabe getragen. Sie starb, nachdem sie fünf Kronenträger überlebt hatte: Elisabeth, Peter, Katharina, Paul und Alexander; mit zweien von ihnen hat sie auf Gesellschaften getanzt. Nächstes Jahr will ich einen Anbau an mein Häuschen machen, denn ich bin einer Schwäche verfallen: ich finde viel Vergnügen am Preferance-Spiel und habe mir aus Langerweile das Rauchen angewöhnt, das macht neue Ausgaben. Anfangs rauchte ich nur spaßeshalber beim Stadthauptmann, aber jetzt habe ich mir auch zu Hause allen Zubehör angelegt. Eigentlich sollte ich es lassen.«

»10. Januar 1857. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Sieben Jahre lang keine einzige Zeile hier hineingeschrieben. Mein Leben ist seltsam, denn es ist ein sattes und behagliches geworden. Ich las eben alles nach, was ich seit dem Tage meiner Ordination eingetragen. Es ist bemerkenswert, wie so ganz anders ich in diesen Jahren die Dinge betrachten gelernt habe. Ich kämpfe nicht mehr, belästige niemand und werde von keinem belästigt. Steter Tropfen höhlt den Stein!«

»20. Oktober. An Stelle unseres entschlafenen Diakons, des sanften Prochor, ist aus der Gouvernementsstadt ein neuer Diakon eingetroffen, namens Achilla Desnitzyn. Dieser ist größer und dicker als wir alle. Wenn man seine Physiognomie und seine Statur betrachtet, muß man die Schöpferkraft der Natur bewundern. Am meisten aber gefällt mir an dem Manne seine Gutmütigkeit. Er zeigte mir die Abschrift seines Zeugnisses aus dem Seminar, in dem geschrieben stand: »Sittliches Verhalten gut, aber sehr tragfähig.« Was bedeutet denn das? fragte ich. »Ach, nichts von Belang,« erklärte er, »als ich wegen Fieber im Seminarlazarett lag, trug ich den kranken Theologen heimlich Schnaps zu. Und zwar in gehöriger Quantität.««

»7. Dezember. Der Subdiakon Sergej macht mich darauf aufmerksam, daß unser neuer Diakon Achilla ein wenig vorlaut ist: aus falschem Ehrgeiz gibt er vielen Betern vom Lande heimlich den priesterlichen Segen. Ich habe ihm gesagt, daß er sich das in Zukunft nicht unterstehen dürfe.«