»Fünfzig!« zählte schließlich eine Stimme, in der sie unschwer die Stimme Ssergejs erkennen konnte. Die nächtlichen Gäste verschwanden ebenso plötzlich, wie sie gekommen waren.

Katerina Lwowna befreite ihren Kopf und sprang auf. Niemand war mehr in der Zelle. In der Nähe kicherte aber jemand. Katerina Lwowna erkannte Ssonetkas Stimme.

Ihr Schmerz wurde nun grenzenlos; grenzenlos war auch der Haß, der in diesem Augenblick in ihrem Herzen aufloderte. Sie sprang auf, um sich auf Ssonetka zu stürzen und fiel ohnmächtig in die Arme Fionas, die ihr zu Hilfe eilte.

An der Brust der stumpfsinnigen Nebenbuhlerin, die erst vor kurzem den ungetreuen Geliebten Katerina Lwownas vor Wollust zittern ließ, weinte sie nun vor unerträglichem Schmerz. Sie schmiegte sich an Fiona, wie sich ein Kind an seine Mutter schmiegt. Nun waren sie beide gleich: beide waren im Werte gesunken, beide waren verlassen.

Die sich jedem Zufall hingebende Fiona und die Heldin der Liebestragödie, Katerina Lwowna, waren nun einander gleich!

Katerina Lwowna fühlte sich aber dadurch gar nicht verletzt. Als sie alle ihre Tränen ausgeweint hatte, erstarrte sie zu Stein und machte sich bereit, zum Appell zu gehen.

Die Trommel wirbelt; die gefesselten und nicht gefesselten Sträflinge stürzen in den Hof; auch Ssergej ist darunter, auch Fiona, Ssonetka und Katerina Lwowna; ein mit einem Juden zusammengeketteter Sektierer, und ein Pole an der gleichen Kette mit einem Tataren.

Alle drängten sich zuerst zu einem unordentlichen Haufen zusammen, stellten sich dann in Reihen auf, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Ein furchtbar trauriges Bild: ein Häuflein Menschen, die von der Welt losgerissen sind und auch nicht den Schatten einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben, watet durch den kalten schwarzen Straßenkot. Alles ist so häßlich: der unendliche Schmutz, der graue Himmel, die entblätterten, nassen Weiden und die mürrische Krähe, die zusammengekauert in den nackten Ästen hockt. Der Wind stöhnt und wütet, heult und brüllt.

Aus diesen höllischen, herzzerreißenden Tönen, die das Grauen des Bildes vervollständigen, klingen die Worte der Frau des biblischen Hiob: »Verfluche den Tag deiner Geburt und stirb!«