„Das ist zwar fürchterlich, aber rätselhaft, unbegreiflich.“

„Und begreifen Sie das Leben? — Sagen Sie: begreifen Sie das jetzige Leben besser, als jenes nach dem Tode?“

Dimitrij Petrovič rückte ganz nahe an mich heran, so nahe, daß ich seinen Atem auf meinen Wangen fühlte.

In dem Abenddunkel erschien mir sein sonst so bleiches mageres Gesicht noch bleicher und eingefallener; sein dunkler Bart schwarz wie Ruß.

Seine Augen schauten mich traurig, schwermütig, ängstlich, fieberhaft glänzend an, es schien, als wenn er mir etwas Fürchterliches, Schreckliches erzählen wollte.

Er sah mir voll ins Gesicht und fuhr in seiner Rede mit seiner gewöhnlichen, leisen, wie flehenden Stimme fort:

„Unser jetziges Leben wie jenes nach dem Tode sind beide unbegreiflich, unfaßbar, schrecklich. Wer die Geister fürchtet, muß auch sich fürchten; er muß fürchten diese Feuer, diesen Himmel, ja alles, was er sieht, weil alles das, wenn man darüber ruhig nachdenkt, ebenso unbegreiflich, phantastisch ist, wie jene es sind, die die Welt vor uns verlassen haben — Prinz Hamlet hat sich nicht deshalb getötet, weil er vor den Geistern Furcht empfand, welche ihm im Traume erschienen; dieser sein darauf bezüglicher Monolog gefällt mir, aber hat mich, aufrichtig gestanden, ganz kalt gelassen. — Als meinem einzigen, teueren Freunde bekenne ich, daß nicht selten in trüben Stunden meine Todesstunde vor meinem geistigen Auge sichtbar wird; meine Phantasie zaubert aus nichts tausende dunkler unklarer Erscheinungen hervor, ja es werden daraus marternde Exaltationen, welche an einen Hexensabbath erinnern, ohne daß alles dieses mir Furcht einjagen könnte. — Doch warum umsonst ins Leere reden. — Fürchterlich sind die Visionen, noch schrecklicher aber das Leben. — Ich, mein lieber Freund, begreife das Leben nicht und empfinde Furcht vor ihm. — Ich weiß es nicht, aber es kann möglich sein, daß ich ein kranker, moralisch verderbter, verlorener Mensch bin. — Dem normalen Menschen kommt es vor, daß er alles, was er sieht und hört, begreift, ich habe aber diese Eigenschaft, diese Gabe verloren, und jeder Tag wird mir durch die Furcht vergiftet. — Die Furcht ist eine Krankheit — viele fürchten sich vor einem großen Räume und sehen Sie, ich leide an dieser Krankheit — an der Furcht vor dem Leben. — Wenn ich manchmal im Grase liege und eine Blattlaus betrachte, welche, gestern geboren, keinen Begriff von dem, was sie umgibt zu haben scheint, dann stelle ich mir vor, daß das kurze Leben dieses Tierchens aus einer unendlich langen Kette von Angst, Furcht, Schrecken und Entsetzen bestehen müsse; und in diesem Tierchen sehe ich mich selbst ...“

„Vor was fürchten Sie sich?“ frug ich.

„Ich fürchte mich vor allem. — Ich bin doch von Natur kein Dummkopf und mich interessieren Fragen: wie das Leben nach dem Tode sein werde oder wie die Geschicke der Menschheit verlaufen werden, nicht, auch erhebe ich mich nicht in die Himmelshöhen. — Aber ich fürchte mich vor der Alltäglichkeit, der niemand entgehen kann. — Ich bin unfähig zu entscheiden, was gut und was schlecht, was in meinem Tun und Lassen Recht und was Lüge ist — und dieses beunruhigt mich. — Ich gebe zu, daß die Erziehung und die Verhältnisse und Umstände des Lebens mich geradezu in einen eisernen Ring von Lüge und Falschheit eingezwängt haben, aus welchem ich mich nicht befreien kann; ich gebe zu, daß mein bisheriges Leben nichts anderes war, als die Sorge darum, wie ich mich selbst und andere Leute betrügen solle, ohne daß ich es selbst noch die anderen bemerken sollen; ich habe Furcht vor dem Gedanken, daß ich mich bis zu meinem Tode von dieser Lüge nicht werde befreien können. — Heute tue ich etwas und morgen ist es mir unbegreiflich, warum ich es getan. — Ich trat in Petersburg in den Staatsdienst und erschrak darüber; ich übernahm mein Gut, um es selbst zu bewirtschaften und erschrak wiederum. — Ich sehe, fühle es und bin davon überzeugt, daß wir eigentlich wenig wissen und deshalb täglich Fehler begehen, daß wir ungerecht sind, verleumden, fremdes Leben untergraben, unsere besten Kräfte auf Ungereimtheiten, leeres Geschwätz vergeuden, auf Vorfälle, die wir nicht nötig finden sollen und die uns nur hindern ruhig zu leben und deshalb fürchte ich mich vor allem, weil ich nicht begreifen kann, warum? weshalb? weswegen? und wem? alles dieses nötig ist. — Ich, lieber Freund, begreife die Leute nicht, ich fürchte mich vor ihnen. — Ohne Furcht kann ich den Bauer nicht ansehen, weil ich nicht begreife, aus welcher Ursache und zu welchem Zwecke er lebt und leidet. — — Wenn das Leben Genuß bedeutet, so sind ja diese Leute überflüssig, unnötig; wenn das Ziel und der Zweck des Lebens in der Not und dem Elend, sowie in der undurchdringlichen, hoffnungslosen Unwissenheit und Dummheit liegt, so ist es mir unbegreiflich, warum der Mensch derartigen Martern unterworfen wird. — — Begreifen Sie vielleicht irgend ein uns nahestehendes Individuum? — — Denken Sie ein wenig darüber nach.“

Gavruša bemerkte, daß wir ihn beobachteten, hustete wiederum ehrerbietig in die Hand und sagte: