„Guten Herrschaften war ich stets ein treuer Diener, — doch der Branntwein! Wenn Sie sich meiner erbarmen und mich wieder in Dienst nehmen würden, möchte ich eine Kerze meinem Heiligen anzünden — auf Ehrenwort.“
Der Nachtwächter ging an uns vorüber und sah uns mißtrauisch an. Er fing an am Strick zu ziehen; langsam und dröhnend ertönten zehn Glockenschläge, welche die uns umgebende Stille unangenehm störten.
„Schon zehn Uhr,“ meinte Dimitrij Petrovič. „Es ist Zeit, daß wir nach Hause fahren. Ja, mein teuerer Freund,“ seufzte er, „ich fürchte mich vor meinen eigenen Gedanken, die doch nichts Fürchterliches für den Menschen haben sollten. — Um nicht denken zu müssen, arbeitete ich; durch vieles und anhaltendes Arbeiten sorge ich dafür, daß ich müde werde und traumlos schlafe. — Kinder, Frau — sind anderen Leuten etwas selbstverständliches, gewöhnliches, mir aber sind sie eine schwere Last.“
Er drückte sein Gesicht in die Hände, ächzte laut auf, um dann mit einem eigentümlich klingenden Lachen seine Rede fortzusetzen.
„Ich kann Ihnen nicht sagen, wie dumm ich mich in meinem Leben benahm. — Alle sagen: was für eine schöne Frau und liebe Kinder Sie haben, was sind Sie für ein glücklicher, beneidenswerter Mensch und prächtiger Familienvater! — Alle sind der Ansicht, daß ich sehr glücklich bin, und — beneiden mich. — Ich aber sage Ihnen offen: mein glückliches Familienleben ist ein trübes Mißverständnis — ich habe Furcht vor demselben.“
Sein bleiches Gesicht wurde von dem nervösen Lachen unschön. Er legte seinen Arm um mich und sprach halblaut weiter:
„Sie sind mein einziger, wahrer, treuester, aufrichtigster Freund, Ihnen vertraue ich und schätze Sie hoch. — Der Himmel schickt uns derartige Freunde, damit wir uns aussprechen und befreien können von Geheimnissen, welche uns schwer bedrücken und uns zur Last werden. — Von dieser Freundschaft erlauben Sie mir Gebrauch zu machen und gestatten Sie mir Ihnen die volle Wahrheit zu sagen: — Mein Familienleben, allen so beneidenswert, ist mein größtes Unglück, und ich fürchte mich vor demselben. Meine Heirat erfolgte unter Verhältnissen, in denen ich nicht gerade die vorteilhafteste Figur spielte. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich Maša bis zum Hochzeitstage wahnsinnig liebte und zwei volle Jahre um sie freite. — Fünfmal habe ich ihr den Heiratsantrag gemacht, fünfmal bekam ich einen Korb, denn ich war ihr ganz gleichgültig, sie fühlte keine Neigung zu mir. — Als ich zum sechstenmale, sinnlos vor Liebe, mich zu ihren Füßen warf, als ich sie um Erhörung bat, da gab sie schließlich ihre Einwilligung, ihre Zustimmung, ihr Ja-Wort ... Sie sagte: „Ich liebe Sie nicht, aber ich werde Ihnen eine treue Frau bleiben ...“ Diesen Vertrag nahm ich mit Freuden, mit Entzücken an ... Ich begriff damals nicht, was dies bedeuten sollte, aber auch jetzt noch — ich schwöre bei Gott! — begreife ich es nicht ... „ich liebe Sie nicht, aber ich werde Ihnen eine treue Frau bleiben ...“ was bedeutet das? ... Es ist das etwas Nebelhaftes, Dunkles, Rätselhaftes ... Ich liebe heute meine Frau noch so stark, noch so herzlich, innig, wie vor der Hochzeit, und sie, ... sie scheint mir immer noch so gleichgültig gegen mich zu sein, wie sie es früher war, ja, es kommt mir vor, als wenn sie froh ist, wenn ich nicht zu Hause bin und abreise ... Ich weiß nicht, liebt sie mich oder nicht, darüber bin ich mir nicht im Klaren ... das kenne ich nicht ... aber wir leben unter einem Dache, schlafen in einem und demselben Zimmer, haben Kinder, besitzen gemeinschaftliches Eigentum ... Was bedeutet das? ... Zu was ist das? ... Begreifen Sie in dieser Sache etwas? ... Alles das ist für mich eine schreckliche Folter ... Und deswegen, weil ich in unseren Verhältnissen nichts begreife, hasse ich bald sie, bald mich, bald uns beide; in meinem Kopfe hat sich alles verwirrt, ich martere mich, werde jeden Tag stumpfer — während sie zu meinem größten Ärger und Qual jeden Tag schöner, bewunderungswerter wird ... Mir dünkt, ihr Haar ist prachtvoll, ihr Lächeln ein so wunderbares, wie man es bei keinem zweiten Weibe sehen kann ... Ich liebe sie, trotzdem ich überzeugt bin, daß ich hoffnungslos liebe ... Eine hoffnungslose Liebe eines Mannes zu seiner Frau, aus deren Ehe bereits zwei Kinder entsprossen sind? ... Ist es begreiflich? ... Ist es nicht, um einem Furcht einzujagen? ... Ist es nicht schrecklicher als Geister zu sehen? ...“
Dimitrij Petrovič beherrschte eine derartige Stimmung, daß er noch weiter gesprochen hätte, wenn nicht der Wagen — glücklicherweise — vorgefahren wäre und sich die Stimme des Kutschers hörbar gemacht hätte.
Wir stiegen in den Wagen, wobei uns Gavruša mit abgenommener Mütze in der Hand behilflich war, mit einer Miene und Gesichtsausdruck, als wenn er schon lange auf die Gelegenheit und den Zufall gewartet hätte, unsere kostbaren Kleider berühren zu dürfen.
„Dimitrij Petrovič, erlauben Sie mir zu Ihnen kommen zu dürfen,“ sprach er, stark mit den Augen zwinkernd und den Kopf auf die eine Seite neigend, „seien Sie barmherzig! ... ich sterbe Hungers!“