Lakaien in roten Galaröcken, weißseidenen Strümpfen und Schnallenschuhen, mit gepudertem Haar und geschmeidig-gleitenden Bewegungen huschen her und hin, neigen sich tief vor den eintreffenden Gästen und stehen an den Windungen der Treppen, voll nachdenklicher Andacht auf all die köstlichen Schleppen herniederstarrend, welche wie ein farbenschillernder Strom mit leisem Knistern über die Purpurteppiche rauschen.

Guntram Krafft stand noch immer zögernd neben dem Sockel einer Karyatide und umfaßte mit staunendem Blick das üppige Bild, welches sich seinen Augen bot.

Was er sein Leben lang in den einsamen, sturmumbrausten Hallen und Gemächern von Hohen-Esp gesehen, glich so ganz und gar nicht dieser strahlenden Pracht, wie sie wohl in seinen Märchenbüchern geschildert war, wie sie sich seine Phantasie aber nun und nimmer vorzustellen vermocht. Welch ein Lichtgefunkel! Welch ein Meer von Kerzen! Daheim brannte höchstens das Bärenweibchen von der getäfelt-dunkeln Decke, oder schaukelte sich ein Öllämpchen in schwerem Kettengehäng, einem Fünkchen gleich, über den gewundenen Stiegen. Unter den Fischerdirnen gab es wohl junges, schmuckes Blut, solch eine Blütenlese reizender, vornehm-schlanker Mädchengestalten wie hier aber hatte er nie zuvor geschaut, und die süße, herzbetörende Poesie einer Balltoilette deuchte ihm vollends ein Rätsel, welches sein armer, nüchterner Verstand nicht zu lösen vermochte! —

Anton hatte ihm gesagt: »Nun möchte ich mir erlauben, dem Herrn Grafen einen guten Rat zu geben. Da wird heute so viel Neues und Fremdes auf Euer Gnaden einstürmen, daß es den Kopf verwirren muß!! Das darf aber nicht geschehen. Am besten wäre es, wenn der Herr Graf diesen ersten Ball nur mehr wie eine Schaustellung an sich vorübergehen ließen! Sie stellen sich auf irgendeinen hübschen Platz, sehen sich alles erst mal genau an, mustern die Damen und lassen sich ein bißchen über die einzelnen orientieren. Auf diesen großen Bällen ist es nicht nötig, daß man sich jeder einzelnen Person vorstellen läßt, nur den Kammerherren und Adjutanten müssen Sie Ihre Verbeugung machen; die stellen Sie dann den Staats- und Hofdamen, den Marschällen und dem Zeremonienmeister vor, und die sorgen dafür, daß der Herr Graf den hohen Herrschaften präsentiert werden! — Alles hübsch in Ruhe und gemächlich! Man wird alles im Leben gewöhnt, auch das Leben und Treiben in Fürstenschlössern, und da Euer Gnaden noch nicht gut Bescheid wissen, so lernen Sie erst ein bißchen durch das Zusehen! Wenn man eine sichere Wand im Rücken hat, ist man stets gedeckt, und wenn man sich nicht in den Strom stürzt, kann man nicht darin ertrinken! — Das nächste Mal mischen Sie sich dann schon mit viel ruhigerem Blut unter die Tanzenden, lernen die Damen kennen und amüsieren sich herrlich!«

Er hatte Antons Rat sicher sehr gut gefunden, befolgte ihn allsogleich und stand fürerst schon hier in der Treppenhalle still, um mit einem Gefühl der Verzauberung um sich zu schauen.

Langsam streifte er die Handschuhe an; das war eine gute Beschäftigung und ein schöner Vorwand, länger verweilen zu können.

Da schwebten sie an ihm vorüber, lachend und scherzend und die guten Bekannten begrüßend, all die wunderholden Frauen und Mädchen, mit schimmernd-weißen Nacken und Armen, welche ihm in ihrer indiskreten Nacktheit zuerst ganz betroffen das Blut in die Wangen getrieben.

Aber das Auge gewöhnt sich auch an das Ungewohnteste, und fürnehmlich, wenn es so sinnbetörend und hübsch ist, wie eine junge Dame in großer Toilette.

Nein, das waren nicht die schweren, düstern Wollfalten, welche daheim der Mutter majestätische Gestalt umwallen, nicht die schweren Düffel-, Fries- und Warpstoffe, in welche sich die Fischerfrauen des Dorfes kleiden, das waren Wolken von Duft und Glanz, von Schaum und silberglitzernden Spinngeweben, das war kaum noch Wirklichkeit, das war ein Traum!

Wie das glänzt und gleißt und rieselt von Atlas, Seide und Samt, — wie die flaumigen Spitzen wogen, wie die Tüll-, die Gaze- und Florkleider wehen! — Silber- und Goldstreisen darin, Metalltupfen und Tautropfen, welche blinken und zittern und doch nicht zerrinnen!