Und Gundula legte die bebende Hand auf das Bild ihrer toten Mutter und flüsterte tief erbleichend den Schwur, welcher ihr ein so unerklärliches Schweigen auferlegte.

»Amen!« sagte Agathe mit fester Stimme, umschloß die Rechte ihres Pflegekindes mit den gefalteten Händen und sank neben ihr nieder auf die Knie.

Ihre Lippen regten sich im Gebet, aber Gundula hörte nicht die Worte, welche sie sprach.

Unten auf der Straße klang ein jubelndes Hurra! — brausende Hochrufe aus unzähligen Kinderkehlen.

Der Bräutigam nahte, die Braut zu holen. Ein Zittern banger Glückseligkeit rann wie erlösend durch die Glieder des jungen Mädchens. Sie trat jählings einen Schritt in den Erker vor und schaute hinab.

Sie sah seine hohe, ritterliche Gestalt in blitzender Uniform aus dem Wagen springen, sie sah das strahlende Lachen in seinem schönen Antlitz, wie er nach allen Seiten grüßte, wie sein Blick voll ungeduldiger Sehnsucht zu den Fenstern emporflog. —

Wieder malte rosige Glut ihre Wangen, das Herz schlug heiß und zärtlich in ihrer Brust, und im Übermaß des Empfindens schwang sie die Arme um Tante Agathe.

»Ich habe dir geschworen, Tante, und ich werde meinen Schwur halten, wenngleich ich überzeugt bin, daß Friedrich Karl mich nie nach diesem Gelde fragen wird, daß wir dieses Erbes nie bedürfen! O, liebe, liebe Tante — ich bin die seligste Braut unter Gottes weitem Himmel, und im ganzen Lande ist kein zweites Weib, welches so beneidet sein wird wie ich in meinem übergroßen Glück!«

»Das gebe Gott!« flüsterte die alte Dame und küßte ihr Herzenskind feierlich auf die Stirn. In demselben Augenblick aber ward die Tür stürmisch geöffnet, und voll jubelnden Entzückens, schön und strahlend wie ein junger Siegesgott, breitete der Graf von Hohen-Esp seine Arme nach der Geliebten aus. —