»Längere Zeit? O nein, Gott sei es geklagt! Nur ganz kurz und flüchtig lernte ich seinen Zauber kennen, und darum glüht die Sehnsucht desto heißer in meinem Herzen! — Sie müssen mir viel von Ihrer Heimat, von Ihrem Leben und Treiben dort, erzählen, Graf! Nachher setzen wir uns abseits auf einen Diwan in der Galerie, und dann wollen wir beide mit allen Gedanken so sehr in Hohen-Esp sein, daß Ihr Heimweh bald schwinden soll! Fürerst aber möchte ich Sie recht vielen Damen vorstellen, damit Sie ...«

Er blieb zögernd stehen und blickte in die offene Saaltür ein, vor welcher Kopf an Kopf die Herren in glänzenden Uniformen standen und mit mehr oder minder harmlosen Scherzen die Tanzenden kritisierten.

»Ein Plaudern in der Galerie dürfte also viel lohnender sein wie ein solches im Saal!« sagte er leise, und die Lichter flirrten vor seinem Blick, und die schmetternden Musikklänge taten ihm weh. »Lassen Sie uns also doch gleich hier bleiben, Komtesse, wenn Sie wirklich diesen Tanz für mich opfern wollen!«

»Opfern?« — sie neigte das Köpfchen mit den leuchtend roten Granatblüten zurück und lächelte: »Nicht im mindesten, — der Tanzsaal lockt mich ebensowenig wie Sie! Darin bin ich so grundverschieden von meiner Freundin Gabriele, daß sie sich einzig inmitten des amüsantesten Getriebes wohlfühlt, während mein Sinn sich seit jeher nach der beschaulichen Ruhe sehnte.« — Sie setzte sich auf den weißen, golddurchwirkten Brokat des Diwans nieder; die lichtrote Seide ihres Kleides leuchtete unter den duftigen Tüllwogen, und hinter ihr baute sich eine Kulisse von Kamelien und Fliederbäumen auf, welche die blühenden Zweige über ihr Köpfchen neigten.

Es war ein hübsches, anmutiges Bild, aber Guntram Krafft sah es nicht.

Es lag noch immer wie graue Schleier vor seinen Augen, und aus allen Worten seiner Partnerin hörte er nur das eine heraus, daß Gabriele sich einzig bei Spiel und Tanz wohlfühle.

Mechanisch setzte er sich an die Seite der Gräfin nieder.

»So würde Fräulein von Sprendlingen nie auf dem Lande glücklich sein?«

»Nein, soviel ich beurteilen kann, nie! Und das ist ja auch gut, denn aller Wahrscheinlichkeit nach wird sie in eine Großstadt heiraten, da bleibt ihr ja alles zur Verfügung, woran ihr Herz hängt! — Nun aber sagen Sie mir einmal, Graf, wie geht es Ihrer lieben, hochverehrten Frau Mutter? Ich hörte durch einen Freund meines Vaters so viel von ihr erzählen, daß ich die seltene, vortreffliche Frau lieben lernte, ohne sie zu kennen! Sie muß ja in ihrer Jugend bildschön gewesen sein, und so fabelhaft liebenswürdig ... nicht wahr? Sie sehen ihr sehr ähnlich?«

Guntram Krafft war viel zu unerfahren, um die versteckte Eloge aus diesen Worten herauszuhören, er schaute sie nur abermals voll aufrichtigen Dankes an.