Sie kennt ja das Meer gar nicht!

Jene acht Tage in Heringsdorf haben ihr nur ein einziges, winziges, unbedeutendes Bild in dem Kaleidoskop der unerschöpflich reichen, ewig wechselnden See gezeigt, ein Bild, welches durch den Staub des Modebades getrübt, mit kurzsichtigen Augen geschaut wurde!

Guntram Krafft atmet tief auf.

Ach, daß er sie lehren könnte, zu sehen, zu begreifen!

Die schnellebigen Stadtmenschen, welche ein paar flüchtige Wochen im Jahr an den Strand eilen, die müden Lebensgeister an Gottes Odem aufzufrischen, die haben keine Zeit, die erhabene Schönheit der Natur kennenzulernen.

Die promenieren bei rauschenden Musikklängen, diese sitzen in den eleganten Restaurants, die sehen nur die Toiletten, all die tausend bizarren kleinen Überraschungen, welche Göttin Mode und der Geschmack des zwanzigsten Jahrhunderts im Jugendstil auftischen, — die blicken kaum einmal hinab in ihr eigenes, ruheloses Herz, geschweige hinaus in die stille, weltfremde Götterherrlichkeit, welche auf den Wassern des Meeres wohnt. —

Ach, daß er, der Einsiedler, dessen Herz und Seele verwachsen sind mit der keuschen, unberührten Wunderwelt des Strandes, — wenn er der holden Spötterin Gabriele dieses Paradies erschließen könnte!

Ein tiefer Seufzer ringt sich über seine Lippen, die Musik schweigt, und neben ihm erklingt die Stimme Gräfin Theas, welche ihn aus seinen Träumen aufschrecken läßt.

XIV.