Sie gehört zu dem ältesten Grundbesitz der Familie, ein düsteres altes Gemäuer, ein Krähenhorst, welchen die kokette Laune ehemaliger Bewohner gar eigenartig ausstaffiert. Die Bärenburg gleicht in Wahrheit der Höhle eines Bären, denn die plumpen, massigen Mauern der graue, stumpfe Turm sind im Innern und Äußern mit lauter Dingen ausgestattet, welche an den Bär und seine wehrhaften Pranken erinnern.
Gundula war im ersten Augenblick erschrocken, als die beiden riesenhaften Bären, welche am Eingang des Burgtors Wache halten, aus grimmig offenen Rachen die Zähne ihr entgegenfletschten, als ihr überall auf Schritt und Tritt in der ganzen Burg, wohin sie nur blickte, Bären in allen Größen und Arten entgegenschauten, als jedes Möbel oder jedes Gewebe ihr in Schnitzerei oder Muster das nämliche Motiv zeigten — Bären! Bären überall! Bald aber gefiel ihr diese absonderliche Eigenart, und je mehr sie sich in die Traditionen der Familie und den Gedanken hineinlebte, daß sie nun selber eine Bärin von Hohen-Esp geworden, eine jener seelen- und nervenstarken, stolzen, gewaltigen Frauen, welche seit vielen Jahrhunderten hier gehaust, wahrhafte Herrinnen der alten Zwingburg zu sein, da schlug ihr Herz hoch auf im stolzen Selbstbewußtsein, und beinahe zärtlich haftete ihr Blick auf den braunzottigen Gesellen, welche in dieser verzauberten alten Herrlichkeit die neue Gebieterin auf Schritt und Tritt begrüßten.
Ja, verzaubert!
Durch die grauen Mauerhallen wehte es, durch die mächtigen Buchenwipfel im Parke raunte es und um die verwitterten Steinbilder der wappentragenden Bären ging es wie ein geheimnisvolles Brummen und Murmeln, wie ein gespenstisches Wirken und Weben, welches seine Zauber um eine Menschenseele spinnt, den unheimlichen Zauber, eine sanfte Taube in eine gar wilde und trotzige Bärin zu verwandeln! —
»Ich begreife eigentlich deinen Geschmack nicht, Herzlieb!« lachte Friedrich Karl, als sie eines Abends auf der Zinne des Turmes standen, weit hinab über die Wipfel des Buchenwaldes auf das ferne, blaue Meer zu schauen, in welches der glühende Sonnenball langsam, durch violette Dunstschleier tauchend, herniedersank. »Ich begreife dich nicht, daß es dir hier in der entsetzlichsten aller vermoderten und verräucherten Bärenhöhlen so gut gefällt! So schön, wie Hohen-Esp seinerzeit als Sitz der ersten unseres Geschlechts gewesen sein mag, so völlig überlebt hat sich sein mystischer Zauber in unserer heutigen Zeit voll Komfort, Eleganz und Leichtlebigkeit! Ich hatte im stillen eigentlich gehofft, Gundula, du würdest beim Anblick all der grausigen Untiere, welche schier zudringlich hier auf Schritt und Tritt verfolgen, schleunigst Reißaus nehmen! ›Alle Tage Feldhühner‹ ist kaum so greulich, wie ›alle Tage Bären!‹ — Bären, wo man sie sich nur denken kann, — man kann keinen Löffel in die Hand nehmen, ohne den Bär darin graviert zu finden, kein Glas, kein Sessel — kein Teppich ... keine Wand ... brr! Was zu viel ist, ist zu viel! Unsere Altvorderen sind mit diesem Bärenkultus schließlich langweilig geworden!«
Beinahe erschrocken sah die Gräfin den Sprecher an. »Langweilig? und das sagst du, Friedrich Karl, der Nachkomme dieses herrlichen Geschlechts, für den jeder Zoll dieses Grund und Bodens heilig sein sollte? — Sieh, ich trage erst seit wenigen Wochen den Namen Hohen-Esp — und doch ist es mir, als sei mein Herz und Sinn schon ganz und gar verwoben mit ihm, als wüchse ich empor zu einer neuen, ungeahnten Größe, als neige sich jedes dieser Bärenhäupter mir zu mit trautem Gruß und Segenswunsch! Ich kann nicht satt werden, durch Räume zu schreiten, wo ringsum die Andenken von Vätern und Ahnherren sprechen, wo alles davon zeugt, was sie einst waren und was wir Glückseligen jetzt sind, — wo ihr Geist uns umweht und ihre Namen zu uns sprechen! O du lieber Mann, — ich habe zuvor nie darüber nachgedacht, wie schön es wohl sein müsse, die Mutter eines Sohnes zu sein, hier aber in der Burg deiner Väter, da überkommt es mich wie eine heiße, ehrfurchtsvolle Sehnsucht, wie eine jauchzende Begeisterung bei dem Gedanken, daß ich berufen sein möchte, diesem alten, trotzigen Bärengeschlecht einen Erben zu schenken, es fortzupflanzen in einem Sohn, welcher dereinst so edel, so ritterlich und herrlich sein wird, wie alle jene heldenhaften Männer, welche ehemals in diesen Räumen gehaust, welche ihren Wahlspruch in die grauen Quadersteine gemeißelt, ihn hoch auf ihr Banner geschrieben und in seinem Sinne lebten und starben —
Christe Kyrie ...
Zu Land und See,
Schirmherr der Not —
Das walt' Herre Gott!«
Mit entzücktem, schier staunendem Blick sah Graf Hohen-Esp auf die Sprecherin.
Wuchs sie tatsächlich neben ihm empor, oder täuschte ihn sein Auge, daß er ihre schlanke Gestalt plötzlich so hoch und stolz, so bärenhaft markig neben sich sah?
Und dieses schöne, begeisterte Angesicht, diese leuchtenden Augen ... gehörten sie wahrlich seiner ernsten, träumerisch stillen Gundula? —