Fester schlang er den Arm um sie, heißer noch küßte er ihre Lippen.

»Schade, daß mein guter Vater dich nicht sprechen hören kann, du wärest wahrlich eine Schwiegertochter nach seinem Herzen! Ja, der alte Herr war in der Tat noch der alte Schirmvogt der Not und Schwachheit, wie ihn der alte Wappenspruch verlangt; er hat viel Gutes getan, und wenn auch nicht mit gewappnetem Arm gegen die Seeräuber hier von dem Bärenhorst aus, so doch als moderner Mann im Reichstag und von der Ministerkanzel aus; du weißt, wie man sein Andenken in Ehren hält! — Ja, ein moderner Mann! — Hohen-Esp bewohnte er selten, fast nie; es lag ihm zu abgelegen, zu weltfern und unbequem, die Telegraphendrähte hatten ihr Netz allzu gebieterisch um ihn gesponnen. — Da hatte er sich Schloß Walsleben für den Sommeraufenthalt zurechtmachen lassen, — auch ein von den Vätern ererbter ›heiliger‹ Boden, aber doch etwas behaglicher und komfortabler wie hier die alte Bärenhöhle! Garnison in der Nähe, flotte Kavallerie — elegante und distinguierte Gutsnachbarschaft — kurzum ... man kann da ein paar Wochen aushalten! Und siehst du, Herzlieb, diesem hübschen Besitz möchte ich mein wonniges Weib auch einmal zuführen! Wir waren nun drei Wochen hier, — die Walslebener dürfen doch nicht eifersüchtig werden?!«

Wie innig er sie an sein Herz drückte, wie schmeichelnd seine Stimme klang, wie unwiderstehlich war der strahlende und heitere Blick seiner Augen, welche in letzter Zeit doch oftmals recht müde und gelangweilt in die Waldeseinsamkeit hinausgeschaut hatten!

Ein Gefühl tiefer Wehmut beschlich Gundulas Herz, wenn sie an Scheiden dachte, — wie unaussprechlich glücklich war sie hier gewesen! — wie redete jedes Zimmer, jedes Plätzchen im Park von einer Zeit berauschend seliger, junger Liebe! — Nie und nimmer würde sie sich in Hohen-Esp langweilen, und müßte sie ihr ganzes Leben hier zubringen! —

An seiner Seite ... im Verein mit ihm — wäre es nicht Paradieseswonne gewesen?

Aber was galten ihr die eigenen Wünsche, wenn Friedrich Karl andere Pläne hegte?

Ein einziger Blick in sein lachendes Gesicht, ein Kuß von seinem Munde, und die Bärin war wieder die willenlose Taube, welche mit demütigem Lächeln nickt: »So bringe mich nach Walsleben, Liebster! Die Welt ist ja überall schön, wo du bist!« —

»Gut, — sagen wir: vierzehn Tage noch nach Walsleben! Das genügt, daß du dein neues Heim, die Umgegend und Menschen kennenlernst, und dann ... dann machen wir doch noch unsere Hochzeitsreise, Liebchen?!« —

»Hochzeitsreise? ich glaubte, die machten wir schon letzt!«

»Hierher nach Hohen-Esp?« er lachte beinahe übermütig: »Nein, meine kleine Schirmvogtin, diese Extratour war nur ein Beweis meines unbedingten Gehorsams! Du wünschtest, die Bärenburg kennenzulernen, — und ich war Wachs in deinen Händchen, wie ich stets im Leben sein werde! — Nun aber kommt die Belohnung für diesen Separatarrest, obwohl derselbe so süß und wonnig war, daß er seinen Lohn schon reichlich in sich selber trug! — Aber wir Menschen sind nun mal unbescheiden und nimmersatte Kreaturen! Auf das schöne Exil in Hohen-Esp folgt ein noch schöneres in Walsleben, und wie man nach der süßen Speise noch Konfekt und Früchte verlangt, so lassen wir uns noch eine kleine Spritztour gen Nizza, San Remo — Monte Carlo — — usw. — servieren!«