Das Hotel St. Petersburg ist ein altes, bestrenommiertes Haus.

Man nennt es scherzweise »den russischen Krug« oder »die Petersburger Ausspanne«, weil es noch an die Zeit erinnert, wo die altehrwürdigen Kaleschen vor dem Dorfkrug Station machten, um die Pferde zu wechseln!

Ganz so schlicht ist das Hotel zwar nicht, aber es ist andererseits auch weit entfernt von den modernen Prachtbauten, welche ihre Marmorsäulen und Palmengruppen in elektrischem Licht spiegeln, — es hat schöne, einfache Räume, solide Preise, eine vorzügliche Küche und die beste Gesellschaft zu Gast. Daher besteht nach wie vor die Sitte, daß nach jedem Hofball eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg stattfindet, eine Art Kavalierball, welcher sehr beliebt und viel besucht ist.

Auch Guntram Krafft hatte seinen Namen am Vormittag noch in die ausliegende Liste für die auswärtigen Herrschaften eingetragen, und er war auch schon als einer der ersten zur Stelle, als die Wagen heranrollten und all jene zauberhaft holden Frauen- und Mädchengestalten des verflossenen Abends aufs neue im Saal und in den Empfangsräumen zusammenströmten. Fräulein von Sprendlingen ließ, wie stets, sehr lange auf sich warten.

»Sie hat ja ihre Tanzkarte gestern abend schon gefüllt mitgenommen!« sagte einer der Herren zu einer jungen Dame, welche nach ihr fragte: »Warum soll sie sich da die Füße hier wund stehen? Auch Ballköniginnen pflegen erst zu erscheinen, wenn sich der Hofstaat vollzählig versammelte.«

Thea schwebte in einer rosa Tüllwoge in den Saal und winkte dem Grafen schon von weitem mit bedeutungsvollem Lächeln zu. Sie ward von Tänzern umringt, mußte die älteren Damen begrüßen und mit den jüngeren ein wenig plaudern, so daß schon die ersten Walzerklänge durch den Saal fluteten, ehe der Graf ihr guten Abend sagen und sie daran erinnern konnte, daß sie die Güte gehabt, ihm schon gestern zwei Tänze zuzusichern.

Sie reichte ihm mit reizendem Lächeln die Hand und sagte leise:

»Wie sollte ich diese Tänze vergessen! gerade auf Sie freue ich mich ja am meisten!«

Guntram Krafft ward dunkelrot und drückte die schlanken Fingerchen aufgeregt zwischen den seinen.