Thea freute sich auf die Tänze? Nun, dann hat sie ihm sicher etwas recht Angenehmes mitzuteilen!
Er wollte gern sofort mit ihr plaudern, sich auf einen Diwan mit ihr niedersetzen, wie dies auf dem Hofball der Fall gewesen; da aber am heutigen Abend sehr viel flotter getanzt zu werden schien, war es der vielen Extratouren wegen nicht möglich. Das sagten ihm schon etliche junge Damen, welche er gestern kennengelernt und soeben auch begrüßt hatte.
Gestern war der Tanz Nebensache.
Ein Hofball ist mehr eine glänzende Schaustellung, eine Parade, bei welcher nicht die Pickelhauben und Säbel, sondern die schönen Augen der Frauen blitzen, ein großes Stelldichein, welches sich Namen, Stellung, Prunk und Schönheit geben, gemeinsam dem Landesherrn und seinem erlauchten Haus ihre Ehrfurcht zu vermelden.
Der Hofball ist ein lebendes Bild, durch welches der Tanz nur ganz verschwindend seine goldenen Linien zieht; eine Nachfeier im Hotel St. Petersburg jedoch ist das schöne Recht der Jugend, wo sie alles nachholen will, was ihr die steifere Etikette der Hoffeste verkümmert hatte.
Gabriele war noch immer nicht erschienen; Guntram Krafft wandte kaum einen Blick von der Tür.
Er stand, in Wahrheit eines Hauptes länger denn alles übrige Volk, nahe am Eingang und schaute voll ungeduldiger Sehnsucht jener Einzigen entgegen, welche trotz ihres schroffen und abweisenden Wesens all seine Gedanken wie durch einen wahren Zauberbann gefesselt hielt.
Er hatte einmal in dem Bücherschrank seiner Mutter ein Gedichtbuch gefunden, welches er heimlich mit an den Strand nahm und, in dem knisternden Riedgras liegend, las. Da fand er ein paar Verse, welche ihn ganz besonders zum Nachdenken reizten; sie handelten von einer Rose »an Dornen ach nur allzu reich!« von der hieß es:
»Viel andre Blumen sah ich blühen
Und sie zu pflücken hab ich Wahl —
Doch immer treibt mich inneres Glühen
Zur Rose, zur geliebten Qual!
Ich schlürf' aus ihres Kelches Bronnen
Den Wonnentau, den süßen Schmerz
Und drücke sie samt allen Dornen
Vor Wollust an mein leidend Herz!«