Dieses Gedicht kam ihm plötzlich in die Erinnerung, und was ihm ehemals so unverständlich schien, das begriff er jetzt.
Warum fesselte Gabriele ihn so wunderbar, sie, die dornenreichste aller Rosen, welcher er im Leben begegnet war?
Warum gefiel ihm Gräfin Thea in all ihrer anmutigen Liebenswürdigkeit nicht tausendmal besser?
Warum stand er hier und blickte voll sehnender Ungeduld jener Schönsten entgegen, welche die einzige im Saal war, die für ihn kaum einen Blick, kaum einen Gruß hatte? Und je länger sie zögert, zu erscheinen, desto unruhiger hämmert das Herz in seiner Brust.
Herr von Heidler ist bereits anwesend und scheint sich nicht viel Sorge um das Zögern seiner Herzenskönigin zu machen. Er tanzt bereits sehr flott mit der Tochter des Divisionärs, seines Obersten, mit der Nichte des Hofmarschalls und der gestern zuerst bei Hof präsentierten Enkelin des Ministers.
Ein überschlankes Püppchen, mit trotz ihrer Jugend schon recht blasiertem, ausdruckslosem Gesichtchen. Man erzählte sich aber heute morgen im Hotel, wo verschiedene Herren in Gesellschaft Guntram Kraffts frühstückten, daß Fräulein Henny ein goldenes Kälbchen sei, um welches wohl bald ein recht lebhafter Tanz beginnen werde, — ein Tanz, welcher in diesem Fall wohl nur dem Götzen Gold huldige. —
Ja, er beginnt bereits! Und Herr von Heidler verschmäht es nicht, in Abwesenheit seiner angebeteten Gabriele mit recht zündenden Blicken in das spitze, sommersprossige Gesichtchen zu sehen.
Schon der zweite Tanz näherte sich dem Ende, und noch immer ist Fräulein von Sprendlingen nicht erschienen.
Auch Thea fällt es auf.