»Halt, Graf! Wenn ich Ihnen diesen Zettel zeige, begehe ich eine große Indiskretion an Gabriele, und ich tue es nur, weil Sie mich gestern zu einer gewissen Offenheit verpflichteten. Leicht wird es mir wahrlich nicht, ich leide unsäglich unter der Rolle einer Vertrauten, welche Sie mir zuerteilten! Wenn mich Ihr Schicksal nicht so außerordentlich interessierte, und wenn ich es nicht für meine heilige Pflicht hielte, Ihnen als guter Engel rechtzeitig die Augen zu öffnen, so würde dieser Zettel längst ein Raub der Flammen sein!« —
»Gräfin ... foltern Sie mich nicht ... lassen Sie mich lesen ...«
»Nur unter einer Bedingung ...«
»Ich gelobe alles, was Sie verlangen!«
»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, schwören Sie es mir bei allem, was Ihnen heilig ist, daß nie ein Mensch, Gabriele selber am allerwenigsten — jemals es erfährt, wie indiskret ich handelte, Ihnen diesen Zettel zu zeigen! Sie geloben mir strengste Diskretion?«
»Ich gelobe sie und werde mein Wort halten!« Er bot ihr mit seinem offenen, grundehrlichen Blick die Hand entgegen, und Thea schlug ein.
»Gut; ich glaube Ihnen! Ich habe rückhaltloses Vertrauen zu Ihnen, Graf! Und nun lassen Sie mich erst erzählen, wie ich zu diesem Zettel kam!«
»Ich bitte darum!«
»Es interessierte Sie, zu wissen, welche Meinung Fräulein von Sprendlingen über Sie hege, und was Sie eventuell tun könnten, um sich ihre Sympathien zu erwerben!« Thea sprach schnell und leise, ihre schlanken Finger hielten den Zettel zwischen den rosa Tüllwogen auf ihrem Schoß. — »Ich wollte ihr demzufolge gestern morgen einen Besuch machen, um sie ein wenig auszuforschen, wurde aber nicht angenommen, weil das gnädige Fräulein um zwölf Uhr noch nicht aufgestanden war!! — Um zwölf Uhr! Das wird Ihnen so unglaublich scheinen wie mir! Aber Gabriele ist ja das verkörperte Großstadtleben: die Nächte durchwachen, die Tage verschlafen, das ist das Programm der Modedamen, welche nun einmal nicht für ländliche Verhältnisse geboren sind!«