Er hob mit beinahe flehendem Blick die Hand. »Rauben Sie mir nicht den Glauben an die Schönheit, Gräfin!« sagte er weich. »Wer sein Leben lang im Banne eines holden Märchens gestanden, findet sich so schwer mit der herben Wahrheit ab! — Schön und gut war bislang ein unzertrennlicher Begriff für mich, — — und warum soll ein Weib, welches bis zur Schroffheit aufrichtig ist, nicht dennoch gut sein? — Und nun reichen Sie mir Ihren Arm, Gräfin, das Souper scheint angekündigt zu sein, — die alten Herren verlassen den Spieltisch!«
Thea erhob sich, — das ironische Lächeln, welches um ihre Lippen spielte und welches der beinahe lächerlichen Sanftmut ihres schwärmerischen Partners galt, verlor sich.
»Ja, lassen Sie uns gehen! Der Sekt soll Sie auf heitere Gedanken bringen, und wenn die Flöten und Geigen wieder erklingen, wollen wir jedwedem Mißgeschick ein Schnippchen schlagen und uns doppelt und dreifach des Lebens freuen! Sie haben mir das Ehrenamt einer Vertrauten übertragen, Graf, und deren erste Verpflichtung ist es, ein trauriges Herz zu trösten und zu erheitern! Carpe diem!«
Sie nickte lustig dem Vortänzer, welcher in die Tür trat und winkte, zu, hing sich wie ein rosiges Flöckchen an den Arm ihres bärenhaften Tischherrn und schritt mit ihm, Triumph und Zuversicht im Herzen, zum Souper.
XVI.
So schweigsam wie Graf Hohen-Esp bei Tische war, so sprudelnd heiter und amüsant war seine Nachbarin.
Die kleine Ecke der langen Tafel war bald eine recht fidele, und Thea beobachtete es voll Genugtuung, daß Guntram Krafft energisch seine Mißstimmung bezwang und, wenn auch nicht fröhlich, so doch etwas gesprächiger wurde.
Als Komtesse Sevarille das Thema sehr geschickt auf die See lenkte und die umsitzenden Damen aufs eifrigste in ihr schwärmerisches Entzücken einstimmten, leuchtete es sogar in Guntram Kraffts ernsten Augen wie heiße Sehnsucht auf, und als man gar anfing, ihn um seemännische Dinge zu befragen und seinen Bemühungen, die Damen und Herren für das Rettungswesen Schiffbrüchiger zu interessieren, ein lebhaftes Verständnis entgegenbrachte, da bemächtigte sich seiner sogar eine gewisse freudige Erregung, welche für den Augenblick die Schatten von seiner Stirn scheuchte.
Dieses Gespräch währte freilich nicht lange, dazu war die Jugend zu übermütig gestimmt, ja, ein Referendar sagte sogar mit sehr tragischer Geste: »Es ist seltsam, daß man hier auf dem Festland so wenig Sinn und Teilnahme für das Rettungswesen hat! Die Küste mit all ihren drohenden Gefahren, ihrem ›Seemann in Not‹ und ihrer schauerlich-schönen Sturmpoesie liegt den Leuten hier zu fern, um sie zu interessieren! Eine Gefahr, welche sie sich nicht vorstellen können, existiert nicht für sie, und ein Eisenbahnunglück wird ihnen stets mehr zu Herzen gehen wie eine Schiffskatastrophe. Für die Waisenkinder, das Blindenasyl und Findelhaus zahlt wohl jede Mutter gerührten Herzens ihr Scherflein, aber eine wackere Gesellschaft, welche manch tapfern Seehelden den Wogen entreißen und manch unglücklichen Schiffer von seinem Wrack einholen möchte, für die findet sich kaum eine offene Hand!« —