»Und wie not tun unserm Vaterlande gerade die guten, starken Hilfen am Strand!« nickte Guntram Krafft mit finsterm Blick; seine vergeblichen Besuche des heutigen Morgens, seine gescheiterten Bemühungen kamen ihm mit all ihrer niederdrückenden Erfolglosigkeit in das Gedächtnis zurück: »Deutschlands Zukunft ruht auf der See! und jeder gute Patriot sollte bemüht sein, im Sinne seines Kaisers zu handeln und dem Seewesen in vollem Umfang, sei es der Marine, dem Lotsen- und Rettungswesen oder den Seemannsheimen, sein tatkräftiges Interesse zuzuwenden! Hier tut Hilfe not! Hier trägt jede gute Tat ihren reichen Segen! Warum begeistern sich die deutschen Frauen so viel dafür, die Vergangenheit zu ehren, gründen Schiller- und Bismarckvereine — und denken so wenig an die Zukunft ihres Vaterlands? Diese ist wichtiger wie alles andere! Einmal haben sich Deutschlands Frauen allerdings schon treu bewährt, haben das Schiff ›Frauenlob‹ von dem Ertrag ihrer Sammlungen gebaut und es bewiesen, daß selbst die kleinste Hand kräftig genug ist, an Deutschlands Macht und Herrlichkeit mitzuarbeiten! Jetzt aber ist — mit wenigen Ausnahmen — so gut wie gar kein Interesse für die dringende Not an der Küste vorhanden, und doch steht unser Rettungswesen noch auf recht schwachen Füßen, obwohl gerade in letzter Zeit so manche Kunde über das tragische Schicksal Schiffbrüchiger wie ein mächtiger Hilfeschrei durch das Land hallte!«
Mit erstaunten Blicken hatte man den Sprecher gemustert, welcher in seiner Erregung ein Bild edlen Eifers schien und in nichts mehr an den ungewandten, tolpatschigen Bären von Hohen-Esp erinnerte!
Die Damen stimmten lebhaft zu und ließen nur zum Schluß die etwas ängstliche Frage laut werden: »Wer soll aber so etwas in die Hand nehmen?«
Und die Herren zuckten zweifelnd die Achseln und versicherten: »Das ist ja ganz unmöglich! Ein einzelner kann dabei gar nichts tun, wenn die Sache nicht von maßgebender Seite angeregt wird!«
Ein grimmes Lächeln zuckte um die Lippen Guntram Kraffts.
»Diese Antwort ist mir heute schon öfters geworden,« sagte er beinahe verächtlich, »und ich fürchte, ich werde sie noch mehrfach hören müssen. Gerade in dieser Ansicht liegt der Fehler, welchen alle begehen, weil keiner den Anfang machen will. Warum ›von maßgebender Seite?‹ Dies ist die Schanze, hinter welcher sich die Tatenlosigkeit verkriecht! Wenn jeder einzelne und jede einzelne das Ihre täten, wäre uns geholfen.« —
Die letzten Worte verklangen bereits in dem Lärm, welchen das Zurückschieben der Stühle und die lebhaftere Konversation bei Aufbruch der Tafel verursachten — der Graf von Hohen-Esp schwieg und verneigte sich vor seiner Dame, sie in den Saal zurückzuführen.
Thea flüsterte begeisterte Worte der Anerkennung zu ihm auf, sie versicherte, daß sie noch mehr über dieses Thema hören müsse, welches ihr bis jetzt unbegreiflicherweise noch so fremd geblieben sei, — der Graf aber schien zerstreut, weit ab mit allen Gedanken. Er sah seltsam verändert aus, er hatte so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem ehedem so linkischen, bei jedem Wort errötenden Jüngling, welchen die Spottlust der Großstädter den modernen Parzival genannt.
Er neigte flüchtig den Kopf.