Ein Jahr war vergangen. Frau von Sprendlingen lebte mit ihrer Tochter fernab der Residenz in dem einsamen Landhaus der Tante, welche viel zu schrullenhaft, unliebenswürdig und schroff war, um den beiden verlassenen Frauen auf die Dauer ein behagliches Heim bieten zu können.

Mutter und Tochter hatten schweren Herzens beschlossen, sich zu trennen.

Frau von Sprendlingen konnte zur Not von ihrer Witwenpension leben, wenn Gabriele ein anderes Unterkommen fand.

Dieses aber fand sich trotz eifrigster Bemühungen nicht. — Die Stelle einer Hofdame, welche die Herzogin für sie an befreundetem Hofe erhofft, war gegen alles Erwarten anderweitig besetzt, — andere Aussichten zerschlugen sich ebenfalls.

Voll banger Sorge bewarb man sich dort und hier, — doch stets ohne Erfolg.

Da las Frau von Sprendlingen eines Tages in einer Frauenzeitung eine sehr annehmbar erscheinende Offerte.

Eine ältere Dame auf dem Lande suchte ein junges, liebenswürdiges und heiteres Mädchen aus vornehmer Familie zur Gesellschafterin. Die Einsendung einer Photographie war zur Bedingung gemacht.

Die Baronin las Gabriele die Anzeige vor, und beide blickten sich in stummem, wehmütigem Einverständnis in die Augen. Zur selben Stunde noch schickte Frau von Sprendlingen Gabrieles Bild an die angegebene Chiffre ab. —

Ernst und still blickte Gabriele in den leuchtenden Frühlingsmorgen hinaus. — Wird eine Antwort kommen? Wird sie die Stelle erhalten?