Ihn in die Welt zu schicken, hatte keinen Zweck, denn der Graf war zu ungewandt und fremd in der Gesellschaft, um den Mut zu haben, als Freier aufzutreten.

Auch schien es ihr ratsamer, dem so sehr Unerfahrenen in dieser wichtigen Angelegenheit zur Seite zu stehen. So verging Monat um Monat. Da kam ihr ein guter Gedanke.

Sie suchte in einer vielgelesenen Frauenzeitung eine junge Gesellschafterin aus bester Familie und wählte aus den eingesandten Photographien diejenige heraus, welche ihrem scharfen Auge am passendsten für ihren Plan erschien.

Zu dicken Stößen kamen die Briefe an.

Die Gräfin saß in ihrem stillen Turmzimmer, in welches die Frühlingssonne ihre goldhellen Strahlen warf, und erbrach voll lebhaften Interesses ein Schreiben nach dem andern.

Wie viel verschiedene Schriften, Schicksale, Bilder! Gundula sah ein jedes derselben lange scharf und prüfend an, doch da war keines, welches ihr so recht von Herzen sympathisch war.

Die nächsten Tage brachten neue Massen von Zuschriften, und die Bärin von Hohen-Esp las und überlegte und prüfte, bis sie plötzlich das Haupt jählings vorneigte und beinahe betroffen auf ein reizendes Mädchenantlitz schaute, welches mit wundersam ernsten, großen, klaren Augen aus dem Brief zu ihr emporschaute.

Dem Anzug nach erschien sie in tiefer Trauer, schlicht, einfach und anspruchslos.

Die Gräfin überflog den Brief, welcher nur sehr kurz im Verhältnis zu den meisten anderen war. Sie sah nach der Unterschrift: »Marie Antoinette, Freifrau von Sprendlingen, geborene Freiin von Dryfurth.«

Ein guter Name. — Und sie schrieb, daß sie für ihre Tochter Gabriele, 23 Jahre alt, musikalisch, perfekt im Englischen und Französischen, geschickt in Handarbeiten, aber noch unerfahren im Haushalt, eine Stelle als Gesellschafterin suche. Ihre Verhältnisse, welche seit dem Tode ihres Mannes sehr traurige seien, zwängen sie leider, sich von ihrem Kinde zu trennen.