Gabriele von Sprendlingen war im Reisekleid und legte noch die letzten Gegenstände in den kleinen Handkoffer, um pünktlich bereit zu sein, wenn der alte Kutscher vorfuhr, sie zur Bahnstation abzuholen. Sie sah so still und ernst und ruhig aus, als ob all der Wechsel und Wandel, welcher sich nun mit ihr begeben solle, nicht die mindeste Erregung wert sei. —

Sie sollte die Gesellschafterin einer alten einsamen Frau werden, einer Frau, welche man in der Welt als verbittert, hart und menschenfeindlich schilderte.

Es war selbstverständlich, daß ein junges Mädchen in ihrer Umgebung mit dem Leben abgeschlossen haben mußte, und weil Gabriele dies getan, weil es in ihrem Herzen kalt und dunkel geworden war, seitdem die strahlende Sonne ihres Ideals, ihres Schwärmens und ihrer Begeisterung aus ihrer stolzen Höhe herabgesunken war, zertrümmert und vernichtet für ewige Zeiten, weil seit dieser Stunde das Dasein doch allen Wert und Reiz für sie verloren, deuchte es ihr kein Opfer, sich jetzt schon lebendig in Hohen-Esp zu begraben. —

Als ihre Mutter mit aufgeregt heißen Wangen zuerst die Nachricht brachte, daß es die Gräfin Hohen-Esp sei, welche die Gesellschafterin suche, und daß sie Gabriele vor allen andern Bewerberinnen den Vorzug gegeben und sie engagiert habe, blickte das junge Mädchen so gleichgültig auf den Brief Gundulas nieder, als gehe sie derselbe kaum etwas an.

Und als Frau von Sprendlingen in ihrer Erregung eine Andeutung machte, daß nun das Glück vielleicht doch noch einmal bei ihnen anklopfe, wenn Guntram Krafft seiner ehemals so schnell entflammten Neigung treu geblieben, — da wuchs die schlanke Mädchengestalt hoch und stolz empor, und die klaren Augen blitzten so abweisend wie ehemals, als sie die Bewerbungen des Grafen voll ehrlicher Gleichgültigkeit zurückwies.

»Wenn du dich solch trügerischen Hoffnungen hingibst, Mama, ist es besser, ich nehme die Stelle überhaupt nicht an! — Glaubst du, die Armut und Verlassenheit hätten mich derart entnervt und erbärmlich gemacht, daß ich einen ungeliebten Mann heirate? — So unmoralisch werde ich niemals denken und niemals handeln!« —

»Wer sagt, daß du ihn nicht liebgewinnen wirst?!«

Ein herbes Lächeln spielte um Gabrieles Lippen. »Die Liebe ist ein so sehr verschiedener Begriff, dem einen ist sie nur Mittel zum Zweck — nur Zeitvertreib — ein Rechenexempel — oder Geschmackssache. — Für mich wird sie stets der Höhepunkt leidenschaftlicher Bewunderung und Verehrung sein ... Du hast oft über die schwärmerische und schrullenhafte Ansicht gelacht, Mama, — geändert habe ich sie trotzdem nicht. Ich will in dem Mann, welchen ich liebe und welchem ich angehöre, mehr sehen, wie einen Durchschnittsmenschen — er soll das Ideal verkörpern, welches mein Patriotismus, mein stolzer, begeisterter Sinn sich geschaffen. — Das kann der Graf von Hohen-Esp nicht, denn es ist nichts in seinem Wesen und Handeln, was mein Herz höher schlagen, was es in scheuem Staunen erzittern und in jauchzender Bewunderung erglühen läßt! — Sein Name, sein Geld, sein hübsches Gesicht existieren für mich nicht, denn sie machen mir nicht den mindesten Eindruck. Darum bitte ich dich von Herzen, Mama, nähre keine falschen Hoffnungen, die Enttäuschung würde zu bitter sein.« —

Seufzend neigte die Baronin das Haupt und schwieg; jetzt aber, als sie von der Tochter Abschied nahm und die schlanke, graziöse Mädchengestalt in die Arme schloß, da blickte sie noch einmal mit flehendem Blick in ihre Augen und sagte nur leise: »Wie würde ich so glücklich sein, Gabriele!«