»Das glaube ich nicht, Herzens-Mama! Eine Mutter, die ihr Kind wahrhaft lieb hat, ist niemals glücklich, wenn sie dasselbe unglücklich sieht!«

— Das war leider Gottes eine Wahrheit, gegen welche sich nicht streiten ließ, und so sah Frau von Sprendlingen ihre Tochter in der Überzeugung scheiden, daß Gabriele tatsächlich entschlossen war, eine glänzende Zukunft ihrer Gefühlsseligkeit und Phantasterei zu opfern.


Es war ein regnerischer Frühlingstag.

Der Himmel verschwamm in grauen Dunstmassen, müdes Dämmerlicht lag über den knospenden Wäldern, durch welche Gabriele der Burg Hohen-Esp entgegenfuhr, und nur hie und da strich ein seufzender Windhauch daher, die schweren Regentropfen gegen die Wagenfenster zu werfen.

Von der See sah man nichts, der Nebel hatte sie verschlungen, und als Hohen-Esp mit seinen dunklen, uralten, epheuumsponnenen Gemäuern aus den Wipfeln auftauchte, machte es einen noch melancholischeren und öderen Eindruck als sonst.

Der stumpfe Turm, der eckige Quaderbau mit den kleinen, unregelmäßigen Fenstern, der schilfbewachsene Wallgraben und die wunderliche Zugbrücke, welche immer noch zu dem grauen, mit Türmchen flankierten Tor aufgezogen werden konnte, machten den Eindruck eines verräucherten Spuknestes, einer echten, rechten Bärenhöhle, bei deren Anblick man sich eines leichten Grauens nicht erwehren kann.

Sehr günstig war der erste Eindruck, welchen Gabriele von dem Stammsitz der Hohen-Esp erhielt, nicht, aber das junge Mädchen war so weit entfernt von aller kindischen Furcht und Voreingenommenheit, daß sie, interessiert und von der Eigenartigkeit dieses Schlosses gefesselt, um sich blickte, als der Wagen langsam in den engen Burghof einfuhr. Da standen wie zwei gewaltige, unheimliche Wächter, gleich rechts und links vor dem Tor, die steinernen Bären, welche mit der einen Pranke das Wappenschild, mit der anderen eine Fackel emporhielten, in welcher abends eine rotleuchtende Laterne brannte.

Die alten Gesellen sind von grünlicher Moosschicht überzogen, ebenso verwittert und alt, wie die anderen Bären, welche auf den Sockeln der Freitreppe stehen.

Eine gewölbte, ziemlich niedere Pforte mit schweren Eisenbeschlägen führt in das Innere der Burg; über ihr prangt, abermals zwischen zwei liegenden Bären, das Wappen.